Berlin : Fischer-Dieskau: Trotz Weltkarriere blieb Berlin immer der Mittelpunkt

Jörg Königsdorf

Der Geehrte selbst gibt sich bescheiden: "Es heißt, ein Prophet gilt nichts im eigenen Land," merkt Dietrich Fischer-Dieskau bei seiner Dankrede im Festsaal des Roten Rathauses schelmisch an. "Dass ich nun die höchste Auszeichnung meines Lebens in meiner Vaterstadt bekomme, sagt mir zumindest, dass ich weder ein Prophet noch groß bin." Berlins Ehrenbürger Nummer 109 kann es sich leisten, mit seinem Ruhm zu kokettieren. Denn jeder im Saal weiß ohnehin um die Verdienste des Jahrhundertsängers, die der Regierende Bürgermeister bei seiner Laudatio noch einmal aufgezählt hat und die auf der großformatigen Ehrenbürger-Urkunde verzeichnet sind, die Reinhard Führer, der Präsident des Abgeordnetenhauses, Fischer-Dieskau überreicht hat.

Nach wie vor ist es selten, dass einem Musiker zu Lebzeiten so eine Ehrung zuteil wird. Unter den Künstlern der Moderne fallen die Maler Max Liebermann und Karl Schmidt-Rottluff ins Auge, ebenso der Komponist Paul Lincke, der Zeichner und Fotograf Heinrich Zille, die Schriftstellerinnen Nelly Sachs und Anna Seghers, der Dirigent Herbert von Karajan und der Architekt Hans Scharoun.

Freilich hat aus Berliner Sicht wohl kein Künstler diese Ehrung so verdient wie Fischer-Dieskau. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen würdigte bei der Übergabe der Ehrenbürgerurkunde im Festsaal des Roten Rathauses nicht nur den Jahrhundertsänger, sondern auch - den Berliner. Denn von allen großen Opernsängern des letzten Jahrhunderts ist Dietrich Fischer-Dieskau wohl derjenige, dessen Leben am stärksten mit Berlin verbunden ist. Hier wurde er vor 75 Jahren geboren, und hier begann auch die Karriere des jungen Baritons, als der aus russischer Kriegsgefangenschaft Heimgekehrte den Berlinern mit seinen Liederabenden jene andere, bessere deutsche Tradition wieder neu in Erinnerung zu rufen wusste. In Berlin, an der damaligen Städtischen Oper, stand Fischer-Dieskau 1948 zum ersten Mal auf einer Opernbühne. Auch als er schon längst Weltkarriere gemacht hatte, kehrte er immer wieder nach Berlin zurück: Natürlich vor allem an die Deutsche Oper, wo diejenigen, die dabei waren, noch heute von seinen Verdi- und Wagner-Darstellungen, aber auch von seinem Engagement für Neue Musik erzählen. Berühmt geworden ist Fischer-Dieskau freilich vor allem durch die Schallplatte. Seine Aufnahmen von großen Liederzyklen wie Schuberts "Winterreise" oder Robert Schumanns "Dichterliebe" standen (und stehen?) im Plattenschrank eines jeden Gymnasiums und gehörten beinahe zum selbstverständlichen Mobiliar jedes bürgerlichen Haushalts.

Kein anderer deutscher Sänger hat durch diese mediale Präsenz von Hunderten Schallplatten so stilbildend auf den Nachwuchs aus aller Welt gewirkt wie er. Wer mit ihm spricht, bekommt überdies eine Ahnung von einer Künstlerexistenz, die sich fast auf alle Bereiche der Bildenden Kunst erstreckt: Fischer-Dieskau war nicht nur Sänger und ist immer noch Lehrer, er malt, dirigiert, er schreibt Bücher und ist zumal für das Berliner Musikleben immer noch eine Instanz. Er verhehlt nicht, dass er die Entwicklung der Berliner Opernszene mit Sorge betrachtet, auch in seine Dankesrede fließt ein Appell an die Politiker mit ein: An der Kultur dürfe man unter keinen Umständen sparen, ruft er dem Regierenden zu, und warnt davor, "die drei Opernhäuser Berlins gegeneinander auszuspielen.".

Von dem neuen Ehrenbürger wird übrigens ein Porträt im Rathaus hängen - den Maler darf er sich aussuchen. Vielleicht malt der neue Ehrenbürger das Bild sogar selber.

Dietrich Fischer-Dieskau spicht am 12. Dezember um 18 Uhr mit Klaus Geitel in der Klassik-Abteilung des Kulturkaufhauses Dussmann über seine Sängerlaufbahn.

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