Berlin : Fischmühlen in Worpswede

Wolfram Siebeck

Wenn in diesem Haushalt die Frage gestellt wird: Wo ist die Katze?, gibt es nur zwei mögliche Antworten. Entweder „in der Küche“. Oder „im Bett“. Wir wissen nämlich genau, worum sich ihr Leben dreht. Wenn es trotzdem vorkommt, dass sie weder hier noch dort zu finden ist, gehen wir auf die Suche. Nicht, weil wir fürchten, sie könne ausgebüchst sein; aber man will ja wissen, was die Hausgenossen so treiben. Diesmal entdecken wir sie im kalten Treppenhaus. Sie liegt dort auf der Reisetasche und sieht uns vorwurfsvoll entgegen: „Ist es wieder soweit? Wohin geht’s denn diesmal?“ An der Tatsache, dass keine großen Überseekoffer gepackt wurden, hat sie erkannt, dass es sich nur um eine Kurzreise handeln kann.

„Berlin?“ fragt sie hoffnungsvoll.

„Nein,“ antworte ich, „Worpswede.“

Sie schaut uns entgeistert an: „Wo ist denn das?“

„Im Teufelsmoor. Hast du nie von Worpswede gehört?“

„Nein. Muss ich?“

Die Memsahib sieht mich an. Ich sehe sie an. Wir fühlen uns wie Eltern, deren Kind nicht ins Gymnasium aufgenommen wird, weil es nicht weiß, wer Goethe war. Wir fallen uns schluchzend in die Arme. Frau Hoffmann gibt die Reisetasche frei und wartet an der Wohnungstür.

„Ich weiß! Das ist dort, wo sie gegen die Karikaturen des Propheten demonstrieren, nicht wahr?“

Wir ahnen langsam, wie die Pisa-Ergebnisse zustande gekommen sind.

„Worpswede“, beginnen wir beide gleichzeitig, worauf ich allein weiter- rede, „ist in diesem Land eine Ikone. Ein Wahrzeichen", setze ich erklärend hinzu, weil ich ja nicht weiß, wie weit sich Frau Hoffmann von den Gestaden der Bildung entfernt hat. „Worpswede ist für Niedersachsen, was Murnau für Bayern ist. Eine Künstlerkolonie mit jeder Menge Maler – die alle dasselbe malten.“

„Propheten?“, fragt die Katze hoffnungsvoll. Wir schütteln den Kopf.

„Eher Birken und Boote im Moor.“

Damit ist das Interesse Frau Hoffmanns an Worpswede erloschen. Sie verschwindet in Richtung Küche. Später erzähle ich ihr mehr über das Künstlerdorf im Teufelsmoor. Von Benn, der hier eine Freundin hatte und dem Ex-Kanzler, der in Worpswede Fußball spielte mit seinen Sicherheitsbeamten als Zuschauern.

„Warum fahrt ihr dann hin? Du spielst doch nicht Fußball, oder?“

„Das ist richtig. Aber du musst wissen, dass Worpswede auf Meereshöhe liegt. Und wenn an der Nordseeküste einmal eine Riesenwelle entsteht, ist das Dorf verschwunden.“

„Na und? Seid ihr etwa in die neuen Länder gereist, bevor die Mauer fiel?“

„Das ist doch nicht das Gleiche!“

„Wieso nicht? Lafontaine spricht von einer Katastrophe.“

„Ach, der ist doch nur Opposition. Frag mal lieber die Regierungschefin!“

Frau Hoffmann kaut auf ihren Krallen herum. Für die Kanzlerin hat sie eine Schwäche. Vielleicht kaut die auch.

„Und wann kommt die Riesenwelle?“

„Das weiß man nicht genau. Aber sie sind dabei, ein Tsunami-Frühwarnsystem zu installieren.“

„Tsunami? Ist das ein Kontrollsystem gegen eindringende Muslime? Der Innenminister arbeitet fieberhaft daran, habe ich gehört.“

Ich gebe es auf. „Das ist ja auch seine Pflicht", ergänze ich ihre Halbbildung. „Er nimmt bereits von allen Stinten den Flossenabdruck ab und wird den Heringspass einführen. Wer dann angeschwommen kommt und hat keinen Pass dabei, der landet sofort in der Fischmühle.“

Jetzt endlich ist ihr Interesse geweckt.

„Was ist eine Fischmühle? Steht die in Worpswede?“

„Wo sonst? Ihr Direktor ist Gottfried Benn und sein Gehilfe heißt Rainer Maria Rilke. Wenn es zum Äußersten kommt, gehen sie an die Börse und der FC Worpswede wird Weltmeister.“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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