Berlin : Fitness für die Seele

30 000 Sänger aus aller Welt treffen sich zum Chorfestival in Berlin, das noch bis Sonntag dauert. Was ist das Geheimnis des gemeinschaftlichen Singens? Ein Experte antwortet

Lars von Törne

Aus musiktherapeutischer Sicht erlebt Berlin an diesem Wochenende eine große Massen-Fitnesskur für die Seele. Für Holger Ehrhardt-Rößler ist das Chorfest mit 30 000 Sängern aus 17 Ländern nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern trägt auch zur psychischen Gesundheit der Sänger bei. „Singen ist heilsam für die Seele“, sagt der Musiktherapeut. Seit 23 Jahren setzt er Melodien als Medizin ein, singt mit den Patienten der Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Alt-Moabit. „Singen bedeutet, etwas von innen nach außen zu transportieren, Gefühle mitzuteilen, die man oft in Worten gar nicht ausdrücken kann“, sagt er. „Das hat eine befreiende Wirkung.“ Nicht-Sänger hingegen leben ungesund: „Wer seine Gefühle unterdrückt und nicht aus sich herauslässt, kann erkranken und vereinsamen.“ Eine Erkenntnis, die so ähnlich auch schon der legendäre Chorleiter Gotthilf Fischer hatte: „Sing mit, lass alle Sorgen Sorgen sein. Komm her zu uns, bleib’ nicht allein.“

Für Musiktherapeut Ehrhardt-Rößler ist es ein gutes Zeichen, dass beim Chorfest auch viele jüngere Sänger dabei sind. „Gerade im Alter zwischen 20 und 40 singen zu wenige Menschen“, sagt er. Dabei könnten gerade jüngere Menschen beim Singen etwas erfahren, was beim zunehmenden Konsum von Fernsehen, CDs und Radio viel zu kurz kommt: „Wenn Menschen zusammen singen und erfahren, was sie mit ihrer Stimme anfangen können, dann hebt das ihr Lebensgefühl.“ In seiner täglichen Arbeit singt der Musiktherapeut viel mit älteren Patienten. „Vor allem schwer depressive und schizophrene Menschen können über das Singen Lebenszusammenhänge wieder erinnern“, sagt er. Wenn er mit ihnen Schlager von Marlene Dietrich oder Zarah Leander anstimmt, „dann erinnern sich die Patienten an Situationen aus ihrer Vergangenheit und erzählen davon.“ Und indem sie über sich selbst und ihre Vergangenheit sprechen, könnten viele Menschen auch ihr gegenwärtiges Leben wieder besser strukturieren. Aber nicht nur für die Patienten in seiner Therapie sei Singen heilsam. Er empfiehlt es als vorbeugendes Heilmittel für jedermann. Gerade in Berlin, wo viele Menschen unter Isolierung litten, schafft Singen ein Gemeinschaftsgefühl, das für die psychische Gesundheit hilfreich sei. Oder, um ein weiteres Motto Gotthilf Fischers zu zitieren: „Böse Menschen haben keine Lieder.“

Dass manche Menschen schlicht der Meinung sind, sie könnten nicht singen, lässt der Musiktherapeut nicht gelten: „Es gibt keine unmusikalischen Menschen, denn Musikalität gehört zu unserer Natur – es gibt nur ungeübte Menschen.“

Generell empfiehlt Therapeut Ehrhardt-Rößler, „so oft wie möglich“ zu singen, sei es alleine oder in der Gruppe. „Singen sollte zu unserem Alltag gehören, wie es in südlichen Ländern wie Italien üblich ist.“ Was gesungen wird, sei im Grunde ganz egal. Ehrhardt-Rößler bevorzugt für seine Arbeit deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“. „Das ist eine sehr emotionale Auseinandersetzungen mit dem Leben und dem Thema Abschiednehmen.“ Auch „When I’m 64“ von den Beatles behandelt therapeutisch wichtige Fragen wie den Umgang mit dem Altern. „Aber ich bewundere auch die Rapper, die aus dem Stegreif etwas aus der Seele singen, was sie gerade beschäftigt.“ So gesehen, können auch die aggressiven Songs eines Eminem heilende Wirkung haben, wenn man sie hört oder nachsingt: „Therapeutisch gesehen, ist diese Musik genauso wichtig wie die alten Volkslieder.“

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