Berlin : Fitnessstudio am Bahnsteig

Brandenburgs Bahnhöfe verkommen, Denkmalpfleger sind in Sorge. In vielen Stationen kehrt immerhin neues Leben ein – auch wenn manchmal der Uhu stört.

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Der Zirkus. So wird der alte Lokschuppen in Potsdam genannt, der vom Abriss bedroht ist. Foto: Manfred Thomas
Der Zirkus. So wird der alte Lokschuppen in Potsdam genannt, der vom Abriss bedroht ist. Foto: Manfred Thomas

Luckenwalde - Aus Bahnhöfen werden in Brandenburg immer häufiger Haltepunkte. Da damit auch viele Zeugnisse eines kulturellen Erbes für immer verschwinden, sind Denkmalpfleger besorgt. Erstmalig widmeten sie gestern in Luckenwalde einen ganzen Landesdenkmaltag dem „schleichenden Prozess des Verfalls und dem unwiederbringlichen Verlust“ der einst großen und aufwendig gebauten Bahnanlagen, wie es der Landeskonservator Thomas Drachenberg formulierte. Derzeit stehen nach seinen Angaben lediglich „150 Positionen“ mit Bezug auf den Bahnverkehr auf den Denkmallisten. Dabei handelt es sich um Bahnhöfe, Stellwerke, Wassertürme, Kräne, Brücken und Lokschuppen. Das Dilemma sieht jeder Reisende beim Blick aus den Zugfenstern. Die meisten Bahnhöfe gerade auf dem Land stehen leer, verfallen oder tragen schlimme Spuren der Zerstörung, so wie in Paulinenaue und Friesack an der Strecke nach Hamburg.

Stattdessen lässt die Bahn AG neue Bahnsteige und schlichte Wartestationen aus Plastik ohne jeden Service für die Fahrgäste errichten. Für die oft über 100 Jahre alten Bauten fehlen Interessenten und Konzepte und vor allem Geld. „Dabei verlieren wir leider auch historisch einmalige Bauwerke“, klagt Matthias Baxmann, Referent für Technische Denkmale im Landesdenkmalamt. „Aktuell sind der Zirkus, also die ehemalige Lokfabrik in Babelsberg, die Bahnhöfe in Wiesenburg, fast alle Stellwerke und die alten Signale vom Abriss bedroht.“ Gerade die einst großen Stellwerke, die mancherorts wie in Falkenberg sogar mehrere Gleise überspannen, werden nicht mehr gebraucht. Ein kleiner Container ersetzt die schwergewichtige Technik von früher.

„Nur wenn sich die jeweiligen Kommunen für ihren Bahnhof oder ihren Wasserturm einsetzen, gibt es eine Chance für den Denkmalschutz“, meinte Baxmann. Er nannte als Beispiel die Umgestaltung des nach der Wende zum Schandfleck verkommenden Bahnhofes in Luckenwalde zur Bibliothek und zum Lesecafé und die touristisch genutzten Bahnhöfe in Chorin, Bad Saarow und Bad Belzig sowie den Kaiserbahnhof in Rathenow. Doch den Ideen für die Bahnhöfe sind keine Grenzen gesetzt. So ist in Großräschen ein Fittnessstudio eingezogen, in Oderberg-Bralitz eine alternative Wohngemeinschaft, in Ortrand eine Arztpraxis und in Ludwigsfelde ein Automobilmuseum. Der Wasserturm am Bahnhof Neustadt / Dosse dient als Wohnung und Bistro, während über die nur für militärische Zwecke gebaute Oderbrücke bei Bienenwerder im Oderbruch spätestens im September Draisinen nach Polen verkehren sollen. Zuerst muss das Uhu-Pärchen sein Brüten beenden. Claus-Dieter Steyer

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