Berlin : Flagge zeigen für die Nationalmannschaft?

Frank Jansen

Pro Man stelle sich vor, die WM fände in Holland statt, in Dänemark oder sonst wo auf der Welt. Wer würde beanstanden, dass die Bevölkerung ihre Fenster mit der Landesfahne schmückt? Käme ein Deutscher auf die Idee, Holländern oder Dänen vorzuhalten, sie verwechselten Fußballbegeisterung mit Nationalismus? Wohl kaum. Wenn doch, müsste er sich Mangel an Takt und interkultureller Kompetenz vorhalten lassen. Aber das Gegenteil soll gelten, wenn man in deutschen Fenstern deutsche Fahnen sieht? Merkwürdig. Und geschichtsblind.

Schwarz-Rot-Gold ist nicht historisch belastet wie das kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot, von der Hakenkreuzfahne zu schweigen. Schwarz-Rot-Gold waren die Farben der bürgerlich-liberalen Emanzipation. Im März 1848 kämpften Aufständische unter dieser Fahne auf den Berliner Barrikaden gegen die Truppen des Königs. In der Weimarer Republik verhöhnten Nazis und Deutschnationale die Farben als „Schwarz-Rot- Senf“. Auch die Kommunisten lehnten sie ab. Heute spucken Neonazis und Autonome auf die deutsche Trikolore. Wie kann es da Demokraten schwer fallen, sich mit Schwarz-Rot-Gold offen zu identifizieren? Mag ja sein, dass die Masse der Fußballfans keine historische Betrachtung anstellt, sondern nur Feier und Flagge addiert. Trotzdem bleibt Schwarz-Rot-Gold ein liberales Symbol. An welchem Balkon auch immer.

Contra Eine deutsche Flagge auf dem Balkon signalisiert: Hier wohnt ein Deutscher. Wow, was für eine Überraschung im WM-Gastgeberland! Aber das Flaggezeigen ist nicht nur überflüssig, es kann auch schaden. In den letzten 60 Jahren haben die Deutschen bewusst auf nationales Gehabe verzichtet, sich in Zurückhaltung und Bescheidenheit geübt. Das ist ihnen sehr gut bekommen: Heute sind sie überall auf der Welt willkommene Gäste. Die Bundesrepublik steht für Verständigung, Weltoffenheit, Verlässlichkeit. Und die Fußball-WM ist eine Chance, dieses Image zu festigen. Zu zeigen, dass die Welt wirklich zu Gast bei Freunden ist, und nicht bei Gastgebern, die sich selbst genug sind und stets das Eigene betonen. Klar darf man sich über den deutschen Fußball freuen und darüber, in diesem Land zu leben.

Und natürlich gehört die schwarz-rot-goldene Flagge zu den Deutschen wie Fußball, Tagesschau und Wetten dass ..? Aber es gehört nicht zu den Deutschen, die Flagge gleich an jedes Auto zu hängen. Und es hat Charme, wenn deutsche Fußballer (und Popstars) die Nationalhymne nicht singen können. Oft heißt es: Die Deutschen müssen endlich wieder zu sich selbst stehen, so wie andere Völker auch. Doch das tun sie bereits, auf eine gesunde Art. Keine Flagge zu zeigen, hat nichts mit Verkrampftheit oder Scham oder schlechtem Gewissen zu tun. Sondern damit, dass wir etwas gelernt haben. Sebastian Leber

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