Berlin : Flagge zeigen

Patriotismus ist wieder erlaubt – aber nur sportlich Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Saison

Thomas Loy

Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Saison. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist die Stunde der Patrioten, und es scheint, als entspanne sich das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihren nationalen Symbolen, je näher das Turnier rückt. Schwarzrotgoldene Perücken, Kaffeetassen und andere nationale Devotionalien liegen im Einzelhandel bereit, und noch bevor die deutsche Elf den ersten Anstoß gemacht hat, werden an Balkonbrüstungen die ersten Fahnen gehisst – selbst in Kreuzberg, das traditionell allen deutschnationalen Anwandlungen unverdächtig ist, wurden vereinzelt schwarzrotgoldene Flaggen gesichtet.

Viele Deutsche zeigen sich allerdings noch zurückhaltend – und greifen bevorzugt zu den Fahnen afrikanischer Länder. Togo oder die Elfenbeinküste verkauften sich zurzeit sehr gut, sagt Thomas Lünser vom Flaggenhaus am Alexanderplatz. Die deutschen Fahnen eher nicht. Da müsse man abwarten, was fußballerisch geleistet wird, meint Lünser. Gekauft werde Schwarz-Rot-Gold erst, wenn das deutsche Team Chancen auf den Titel hat. Das war schon bei der WM in Südkorea/Japan so. Bevor der deutsche Fan nationale Gefühle zeigt, möchte er sicher sein, dass sein Team diese Unterstützung auch verdient.

Das erhöht den Druck für die deutsche Mannschaft: An ihrem Erfolg misst sich die Liebe zur Nation. Die Stadt wirkt da noch seltsam unterkühlt. Das offizielle Berlin dekoriert sich mit dem Fifa-WM-Logo. Knapp 2000 WM-Fahnen werden an Straßenlaternen, vor Rathäusern, an Bahnhöfen und Flughäfen gehisst. Die Deutschlandfahnen bleiben im Depot.

Dafür greift patriotische Privatinitiative. Fußballbegeisterte Autofahrer etwa, die mit flatternden Fähnchen in den Seitenfenstern durch die Stadt kurven. In der Pasteurstraße, Prenzlauer Berg, hängen an einem Mietshaus gleich vier schwarzrotgoldene Fahnen aus den Fenstern. Das Gewebe ist knittrig, die Stollqualität eher mäßig, aber was zählt, ist der Bekennermut.

Freunde der Fassadenbeflaggung befinden sich mietrechtlich allerdings in einer schwachen Position. Hartmann Vetter vom Mieterverein erinnert sich an bunte Pace-Fahnen, die entfernt werden mussten, weil der Hauseigentümer seine Gebäude verschandelt sah. Ragt die Fahne in den Luftraum über dem Bürgersteig, sollte sogar eine Sondernutzungserlaubnis eingeholt werden. Von Vetter können Mieter nicht allzuviel Unterstützung erwarten, wenn es um private WM-Beflaggung geht. „Ich würde es im Zweifel eher nicht machen. Das hat was Totalitäres.“

Die Polizei hat weniger Probleme mit Fahnen in der Öffentlichkeit. Selbst gegen Autokorsos mit Gehupe und Flaggen, die aus den Fenstern gehalten werden, hat Peter Gehde von der Polizeipressestelle grundsätzlich nichts einzuwenden, „es sei denn, Passanten werden dabei gefährdet“. Hupen ohne substanziellen Grund sei zwar eine Ordnungswidrigkeit, aber während der WM würde sicher niemand einschreiten.

Übrigens: Wer sich nicht entscheiden kann, an welche Nation er sein Herz verschenken soll, kann sich den „WM-Knaller“ besorgen: Eine 20 Meter lange Flaggenkette mit den Emblemen aller 32 Teilnehmerländer. Kostet 59,95 Euro bei www.flaggenkiste.de.

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