Berlin : Flammekuchen (Glosse)

Eva Schweitzer

Kleine Anzeichen sind es, an denen man die Metropole erkennt. Zum Beispiel, dass die Völkergemeinschaft, die sich für gewöhnlich in einer solchen findet, auf ihre heimatliche Küche nicht verzichten muss. Sicher, schon seit längerem haben wir Döner, Chop Suey, Soljanka und Bagels, aber mit dem Zuzug der Bonner hat sich ein weiteres Gericht in unseren Restaurants materialisiert: Der Flammekuchen.

Bis vor kurzem wussten nur Spezialisten, was das überhaupt ist (eine Art Eierkuchenpizza mit Schinkenspeckstreifen und Zwiebeln) - plötzlich wird der Flammekuchen an allen Ecken und Enden serviert: In den neuen Bistros rund um das Brandenburger Tor, wo sich die Bonner angeblich treffen, auf Straßenfesten und Weihnachtsmärkten und neulich sogar in der Kühltruhe eines Supermarktes an der Potsdamer Straße.

Dass Flammekuchen - obgleich ursprünglich aus dem Elsaß stammend - in Bonn wohl eine Art Nationalgericht sein müssen, ahnt man, wenn man einen Zuzügling aus dem Rheinland in eine solche Gaststätte mitnimmt. "Ach, hier gibt es Flammekuchen", wird er oder sie rufen und sich sogleich darauf stürzen. Derart haben die Neubürger mittlerweile eine nützliche Funktion als Flammekuchen-Scout übernommen, und dort, wo sie guten Flammekuchen aufgespürt haben, kann man sich auch darauf verlassen, dass der Wein etwas taugt. So trägt der Bonner zu seiner weiteren Integration bei - und was wäre eine Metropole, wo sich das Vielvölkergemisch nicht zu integrieren sucht? Was deren weitere Ausdehnung angeht - bis die Bagel-Dichte das Ausmaß der Flammekuchen-Schwemme angenommen hat, kann es noch etwas dauern.

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