Berlin : Flaneur mit Kamera

Das Deutsche Historische Museum erinnert an den Fotografen Willy Römer – und das alte Berlin

Andreas Conrad

Drehorgelspieler, die kamen schon hin und wieder in den Hinterhof, und dann regnete es hinterher Geldmünzen aus den Fenstern, eingewickelt in Zeitungspapier. Aber ein Jongleur, der zum Musikprogramm Holzreifen durch die Luft wirbeln ließ und dazu sogar noch drei hölzerne Gänse auf dem Kopf balancierte – das war unter den Berliner Gören des Jahres 1930 sicher eine Sensation. „Der Gänsehirt ist da!“, das muss wie ein Lauffeuer durch die Mietskasernen gelaufen sein, und dann kamen sie herbeigelaufen mit ihren Holzrollern, in der Hand vielleicht noch die Peitsche, die soeben noch den Kreisel über das Hinterhofpflaster getrieben hatte.

Eine fast vergessene Szene, wie sie einst typisch war für das Berlin der Großväter und Großmütter. Splitter einer Epoche, als die Zeit geruhsamer dahinfloss. Als es in vielen Winkeln zuging, als hätte sich seit Jahrhunderten nichts verändert und noch die letzten Nägelschmiede oder Feilenhauer in verwinkelten Werkstätten ihrer Arbeit nachgingen, als hätte es die Industrialisierung nie gegeben.

Die Ausstellung, die das Deutsche Historische Museum dem Fotografen Willy Römer (1887 – 1979) gewidmet hat, ist weit mehr als ein Querschnitt durch die ersten Jahrzehnte der Berliner Pressefotografie. Gewiss, die aktualitätsbezogenen Aufnahmen, wie sie in den Tageszeitungen gedruckt wurden, die Porträts berühmter Politiker oder Künstler gibt es auch, und manche wurden berühmt, obwohl der Name des Fotografen den meisten Betrachtern unbekannt blieb. Fotos wie die am 5. Januar 1919 während des Spartakusaufstandes in der Lindenstraße aufgenommene Gruppe von Revolutionären, die um ein Maschinengewehr versammelt das besetzte Zeitungsviertel sichern. Aber ebenso waren die Fotos Römers die Ausbeute eines Flaneurs, der durch die Straßen und Höfe seiner Stadt schlendert und ihr Leben mit seiner Kamera in ebenso präzise wie einfühlsam erfassten Aufnahmen dokumentiert.

Römer war als Lehrling 1903 in die Berliner Illustrations-Gesellschaft eingetreten, die erste Firma in Berlin, die sich nur der Pressefotografie widmete. Im Ersten Weltkrieg wurde er zuerst in Russland und Polen eingesetzt, nicht als Fotograf, doch fand er Gelegenheit, das Leben der oft jüdischen Landbevölkerung mit seiner Kamera zu dokumentieren. Ende 1918 übernahm er die Firma Photothek in der Belle-Alliance-Straße 82 (heute Mehringdamm 58), in die 1920 als kaufmännischer Leiter und Textredakteur Walter Bernstein als Partner eintrat. Die Photothek Römer & Bernstein wurde in den Jahren der Weimarer Republik zu einem erfolgreichen Unternehmen, das seine Fotos bis nach London, New York, Paris, Tokio lieferte – und natürlich auch an die wichtigsten Zeitungsverlage in Berlin und Deutschland. Nach der Machtergreifung der Nazis aber ging es steil bergab. Wegen der jüdischen Abstammung Bernsteins kam die Firma auf die Liste der Firmen, von denen Zeitungen keine Fotos mehr drucken durften.

Nach dem Tode Römers versuchten dessen Witwe und Tochter, den Nachlass, der die Kriegszeit weitgehend unbeschadet überstanden hatte, an Museen zu verkaufen. Schließlich erwarb Diethart Kerbs, Kultur- und Fotohistoriker an der Universität der Künste, die Sammlung. Als Kurator der Ausstellung konnte er jetzt ein längst fälliges Denkmal setzen – dem Fotografen und dem alten Berlin.

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