Berlin : Flatz-Performance: Stölzl: Kunst kann auch einmal widerwärtig sein

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Begleitet von stillen Protesten der Tierschützer stürzte die tote Kuh um 21.50 Uhr aus rund 40 Metern in die Tiefe. Abgeworfen aus einem Hubschrauber, landete sie in einem Netz in einer Baugrube der "Backfabrik" an der Prenzlauer Allee / Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg. Die umstrittene Kunstaktion des österreichischen Künstlers Wolfgang Flatz, der an einem Kran hing, wurde von vereinzelten Zuschauern mit Buh-Rufen quittiert, andere applaudierten.

Die Handvoll Tierschützer, die mit einem Transparent erschienen waren, schwiegen erschüttert. Beim Aufprall wurde der Kadaver in eine dunkle Staubwolke gehüllt. Danach ertönte aus Lautsprechern Walzermusik und vier Paare tanzten nach der Melodie von "Wiener Blut".

Bereits lange vor der Performance war der Verkehr auf der Kreuzung Prenzlauer Allee / Saarbrücker Straße zusammengebrochen. Die Polizei hatte die Straße dann gesperrt und das Gelände weiträumig abgeriegelt. Die Polizei räumte Baucontainer, auf die Neugierigen geklettert waren. Rund 3000 Zuschauer waren erschienen, viele hatten Videokameras und Fotoapparate mitgebracht, um den Sturz des eigens für diese Vorführung geschlachteten Bullens zu dokumentieren. Rund 15 Tierschützer trugen eine Transparent: "Perversität gegenüber Tieren hat keine Grenzen." Ihr Protest verhallte weitgehend ungehört.

Bis zum späten Nachmittag war noch unklar, ob die Performance überhaupt stattfinden darf. Um 17 Uhr, während in der "Backfabrik" schon der Soundcheck lief, entschied das Oberverwaltungsgericht und wies ebenfalls den Widerspruch von Berliner Tierschützern zurück. Am Vormittag hatte bereits das Verwaltungsgericht einen Antrag von ihnen abgelehnt, die Kunstaktion mit einer einstweiligen Verfügung zu verbieten. Der Verband hatte dagegen bei der nächsthöheren Instanz Beschwerde eingelegt, war aber ebenfalls gescheitert.

"Das ist ein abscheuliches Schauspiel", sagte Anwalt Karl-Josef Stöhr. "Hier wird eine Grenze überschritten." Der Jugendschutz sei höher zu bewerten als die Freiheit der Kunst. Mit einem toten Tier so umzugehen, sei eine "ernste Sache", sagte Patricia Strunz. Die 13-Jährige hatte als Mitglied im Tierschutzverein gegen die Kunstaktion des Österreichers Beschwerde eingelegt. Sie argumentierte, der Anblick eines zerberstenden Rinds sei für Jugendliche ihren Alters nicht zumutbar.

Auch Politiker und Künstler hatten im Vorfeld das Vorhaben von Wolfgang Flatz kritisiert. Der ehemalige Kultursenator Christoph Stölzl (CDU) sprach sich jedoch gegen ein Verbot der Performance aus: "Die Kunst ist frei, und sie kann manchmal widerwärtig sein." Man könne Kunst nicht verbieten. Stölzl nannte die Aktion "uninteressant".

"Die Bundes-CDU ist verantwortlich dafür, dass so etwas möglich ist", hatte die Berliner Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling kritisiert. Die Christdemokraten hätten vor einem Jahr im Bundestag gegen eine Verfassungsänderung gestimmt, mit dem der Tierschutz gestärkt werden sollte. Hämmerling lehnte die Performance ab: Es sei widerlich, ein Tier "plattzumachen und zusammenzukehren".

Der Berliner Liedermacher Reinhard Mey teilte der Redaktion per Fax mit, er wäre persönlich bereit gewesen, den Hubschrauber zu fliegen, wenn nicht die Kuh, sondern der Künstler abgeworfen würde.

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