Berlin : Flaum am Baum

Dagmar Binder macht dreidimensionale Hüllen aus Filz. Zum Advent polstert sie sogar die Lichterkette

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In dem kleinen Atelier irgendwo am Ende eines Flurlabyrinths in der Treptower Kunstfabrik fließt das Meer die Wände hinab. Längs und quer kräuseln sich Wellen, graues Wasser, weiße Gischt und dazwischen alle Blautöne des Ozeans. Darüber baumelt ein braunes Papierschiffchen an einem Nylonfaden. Man könnte die Kaskaden auch abnehmen von der weißen Wand und sie sich als Kragen um den Hals legen, dann halten sie die Schultern warm. Aber Filzkünstlerin Dagmar Binder will eigentlich jetzt weg von den textilen Accessoires, die sie bisher ausschließlich gefertigt hat, weg von Hüten, Schals und Jacken aus weicher Wolle, von Oberteilen und Röckchen aus feinem, mit Organza unterlegtem Filzgespinst. Weil ihre Werke immer stärker in die dritte Dimension wachsen. Gerade die Wellen, eine Arbeit, die in einer Ausstellung in Galizien mit dem Titel „Kraft des Atlantischen Ozeans“ zu sehen sein werden, sind als Wandgestalter so schön wie als Kunst am Körper.

Die Frau am riesigen Arbeitstisch hat gerade die Hände nass von Seifenlauge. Blonder Bubikopf, wache Augen: eine mädchenhafte 43-Jährige mit weiß-grünen geschnürten Biker-Stiefeln und grüngrundigem Rock. Ein Ost-Gewächs, geboren in Jena. Sie macht sich gut inmitten der bunten Kulisse ihrer Werkstücke, die überall im Raum verteilt sind: an Wände gepinnt und von der Decke hängend, in Regalen und durchsichtigen Plastik-Boxen verstaut.

Sie werkelt am riesigen Tisch in der Werkstatt, rennt mal zum Wasserhahn, holt von drüben wieder Olivenflocken und lässt dann aus dem Becher trübes Wasser auf einen roten Wollflecken triefen, den sie zuvor aus glatten, zarten Merinofäden gelegt hat. Das gibt die Sternenblüte für ein Lämpchen an der Lichterkette. Gepolsterte Weihnachten. Ihre Hand reibt kreisförmig über die Fasern unter dem Gitter und nach zehn Minuten, einer Viertelstunde kann man den Fladen schon vom Tisch abziehen, die Schichten haben sich verbunden. So wird Filz gemacht. „Das ist zeitaufwändig“, sagt Dagmar Binder. Das Material wird gerieben, gerollt, in einer Bambus-Matte gewalkt, in Form gezupft, gezogen, gezerrt – stundenlang.

Je größer das Stück, desto teurer. 120 bis 160 Euro kosten zum Beispiel ihre Kragen und Hüte. Die Formen finden sich in der Natur: Blüten, Stängel, pinselähnliche Fortsätze, Blätter-Taschen, klaffende Höhlen, Spiralen. „Ich komme von einem aufs andere“, sagt sie zufrieden. Das Filzen hat sie während ihres Lehramtsstudiums an der HdK entdeckt. Filzen, das hat sie fasziniert, weil es die „älteste bekannte Art ist, Textilien herzustellen“. Schon 1999 konnte sie sich selbstständig machen, ihre Stücke werden deutschlandweit in Läden verkauft. Das Atelier hat sie seit 1998. Die Frau, die „so furchtbar praktisch“ ist, hat sich vom Material leiten lassen, über Kunsthandwerk-Grenzen zu gehen. Auf der Leipziger Grassi-Messe hat Dagmar Binder mehrfach ausgestellt, in der Galerie Mutter Fourage am Wannsee, beim Design-Mai in Berlin, bei der Designmesse in Bonn, im Göttinger Museum . Nun folgen Spanien und Amsterdam. Grenzen zu überschreiten macht ihr Spaß.

Dagmar Binder, Kunstfabrik Am Flutgraben 3, Treptow (www.textillabor.de)

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