Berlin : Flick geht und bleibt

Im Hamburger Bahnhof endet die Eröffnungsschau mit Werken aus der Sammlung des Industrie-Erben

Matthias Oloew

Sie haben alles durch: Kopfschütteln, völliges Unverständnis, aber ganz überwiegend viel Interesse und Offenheit für die zeitgenössische Kunst. „Im Gegensatz zu der MoMA-Ausstellung wissen die Leute ziemlich genau, was sie hier erwartet“, sagt Patrick Golenia. Er arbeitet in der Flick-Collection als „Living Catalogue“, so steht es auf seinem T-Shirt gedruckt. Er beantwortet die Fragen der Besucher. Und die am meisten gestellte ist: Was will uns der Künstler damit sagen?

Am Ostermontag geht die große Eröffnungsausstellung der Flick-Collection zu Ende. Die einst umstrittene Sammlung mit rund 2500 Werken modernster Kunst bleibt der Stadt aber erhalten, mindestens sieben Jahre, mit Option auf eine Verlängerung. Ihre Ausstellung wird nur kleiner und beschränkt sich künftig auf die ehemaligen Hallen der Spedition Rieck, die mit dem Hamburger Bahnhof verbunden sind. In dem Museum selbst wird ab Dienstag umgebaut und im Mai eine Ausstellung mit Werken der Sammlung Marx eröffnet.

Rund 250000 Besucher werden bis Montag die Flick-Ausstellung gesehen haben. Die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz feiern die Zahl als großen Erfolg. In den letzten Tagen der Ausstellung kommen die Besucher scharenweise und nehmen die Aufforderung der „lebendigen Kataloge“ gerne an: „Let’s talk about Art“ steht auf der Brust. Die Idee, dass Kunsthistoriker und Studenten jederzeit für Auskünfte zur Verfügung stehen, ist kopiert – aus der MoMA- Ausstellung.

Relativ wenige Gäste stellen Fragen zu der politischen Debatte um die Sammlung Flick. „Viele Besucher sind ohnehin aus dem Ausland“, sagt Patrick Golenia, „und die haben die Debatte sowieso nicht mitbekommen.“ Und diejenigen, die sie verfolgt haben, nahmen das erst recht zum Anlass, die Ausstellung anzuschauen. Zum Beispiel das Berliner Ehepaar, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber trotzdem eine dezidierte Meinung vertritt: „Flick kann man keinen Vorwurf machen“, sagt er, „da gäbe es in der BRD-alt ganz andere Themen, über die man diskutieren sollte.“ Zum Beispiel? „Dass Angehörigen der SS noch Pensionen gezahlt werden.“ Und sie, die früher im Museum gearbeitet hat und schon zum zweiten Mal die Flick- Ausstellung besucht, schüttelt den Kopf über das, was hier zu sehen ist: „Künstlerisch betrachtet hat die Stadt anderswo deutlich mehr zu bieten.“

Über die Kunst streiten die Besucher. Über die politische Debatte zur Eröffnung der Schau, die mit den Schlagwort „Blutgeld“ geführt worden war, nicht mehr. Wenn der Videofilm zum Ausstellungskonzept, der ganz am Ende der Rieck-Hallen zu sehen ist, an dem Punkt ankommt, an dem über die Vergangenheit Flicks gesprochen wird, stehen die meisten Zuschauer auf. „Das Thema ist durch“, sagt Martina Beier aus Köln, die über die Osterfeiertage in Berlin zu Besuch ist. Die 36-jährige Mutter, die mit Mann und Kindern hierhergekommen ist, sieht’s pragmatisch und fragt: „Was kann die Kunst dafür?“

Veronika Schlör, die mit ihren Freunden Kira Steffen und Patrick Westermann gerade die Halle betreten hat, sagt, die drei hätten gerade noch darüber diskutiert: „Wir haben uns dann doch für den Besuch entschieden“, sagt sie. Alle drei freuen sich auf die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst und lassen sich von Patrick Golenia die beiden Skulpturen von David McCartney erklären. Das Thema, top-aktuell: „Michael Jackson, Fucked up“.

Flick-Collection, Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50/51, Tiergarten, heute 11 bis 18 und Montag 11 bis 20 Uhr. Öffentliche Führungen um 12 und 14 Uhr, siehe auch Seite 27.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben