Berlin : Fliegende Schokoküsse

Beim Halbfinale des Erzählwettbewerbs trugen Schüler und Erwachsene ihre Geschichten vor

Karolina Kühn

„ … und die Schokoküsse flogen nur so durch die Gegend – “ Tim zieht seinen Kopf ein. Er befindet sich im Schlaraffenland und da kann es durchaus passieren, dass man von fliegenden Schokoküssen getroffen wird. Ein gefährlicher Ort, das Land der Süßigkeiten: Nach kurzer Zeit ist man grün im Gesicht.

Zum Glück ist Tim in Wahrheit ganz woanders, nämlich beim Halbfinale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs im Ethnologischen Museum. Und er berichtet mit großen Gesten von seiner Reise, die er angeblich bei einem Preisausschreiben gewonnen hat – während seine Zuhörer kichern.

20 Erwachsene und 20 Schüler hatte die Jury in die Museen Dahlem eingeladen. Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs lautete „Reisen“. 350 Schüler und Erwachsene hatten sich beteiligt. Die schönsten Texte sind in dem Buch „Fräulein Semelings Ahnung“ (Rohnstock Biografien) veröffentlicht.

Die Geschichten der Halbfinalisten handelten von fremden Ländern, aber auch von anderen Reisen: in den Regen, mit dem Fahrstuhl oder in die eigene Vergangenheit. Johannes Gräger, mit acht Jahren der jüngste Teilnehmer des Halbfinales, ließ seinen Helden Tom Tauchstation auf wundersame Art und Weise die Stadt Atlantis entdecken – wobei die große Mission unterbrochen werden muss, damit alle Taucher Fischstäbchen zum Mittagessen bekommen. Die zehnjährige Anna Büttner reiste durch die Zeit und rettete auf ihrem Weg Old Shatterhand vor dem Tod am Marterpfahl. Denn dieser, so erklärt die Heldin einem verdutzten Indianermädchen, müsse noch viele Abenteuer erleben, damit sie später in spannenden Büchern und Filmen nacherzählt werden können.

Von den Erwachsenen schöpften einige aus dem Schatz ihrer eigenen Erfahrungen – zum Beispiel Gisela Waechter, die von ihrer Odyssee durch „Kindererholungsheime – das klang besser als Lager“ zu Kriegszeiten erzählte. Roland Bertschi brachte mit einem Bericht über seine Vorsprechreise als junger Schauspielschüler „Eins achtzig, Augen blau, jugendlich schwerer Held“ die Zuhörer zum Lachen. Andere Geschichten regten zum Nachdenken an: Friedemann Kluge etwa erzählte von einem illegalen Einwanderer aus dem Kaukasus, der seinen verschwundenen Sohn sucht.

Die Juroren – darunter Lydia Lange (rbb kulturradio), Ulrich Matthes (Schauspieler), Andrea Freese (Lehrerin), Harald Martenstein (Tagesspiegel) und Sabine Ludwig (Autorin) – entscheiden nun, welche zehn Kandidaten ins Finale kommen. Keine leichte Aufgabe, denn schließlich ist nicht nur die Geschichte selbst wichtig, auch der Vortrag spielt eine Rolle. Tim Jeske hatte seine Geschichte sogar auswendig gelernt: „Vorlesen, das liegt mir nicht so – ich erzähle lieber.“

Finale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs am Sonntag, dem 26. März, 15 bis 17 Uhr, in den Museen Dahlem, Lansstraße 8. Besucher werden gebeten, sich unter „erzaehlwettbewerb@tagesspiegel.de“ anzumelden. Das Buch zum Wettbewerb ist in der Tagesspiegel-Geschäftsstelle (Potsdamer Straße 81-83) oder über www.tagesspiegel.de/shop erhältlich (9,90 Euro).

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