Berlin : Flotter Fünfer

Das Zwei-Personen-Stück „What are you afraid of?“ spielt in einem Auto. Das Publikum sitzt auf der Rückbank: drei haben Platz

Sebastian Leber

Gerade noch haben sich die beiden auf dem Beifahrersitz des alten Citroën geliebt, jetzt sprechen sie über ihre Gefühle. Er druckst herum, sie will Klartext: „Nun sag es schon, hier ist doch niemand weit und breit.“ Das ist natürlich eine glatte Lüge, denn auf der Rückbank sitzen drei fremde Menschen und schauen dem Treiben ganz genau zu.

„What are you afraid of?“ heißt das Theaterstück, das die zwei Schauspieler gerade aufführen. Die Vordersitze sind ihre Bühne, hinten hockt das Publikum. Die Idee zum Theater auf Rädern stammt von Tom Stromberg, bis vor kurzem Intendant des Hamburger Schauspielhauses. Dort lief das Stück schon 300 Mal, nun tourt es einen Monat lang durch acht deutsche Großstädte. „What are you afraid of?“ ist ein höchst exklusives Vergnügen, denn pro Aufführung können sich gerade mal drei Zuschauer auf die Rückbank quetschen. Und Karten gibt es auch keine zu kaufen, die vergibt der Sponsor Gauloises. Aber so begehrt, wie das Stück sei, werde es künftig sicher noch öfter gespielt, sagt Stromberg.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein melancholischer Endzwanziger mit Dreitagebart kurvt allein in seinem Citroën durch die Gegend, als plötzlich eine junge Frau die Wagentür aufreißt und einsteigt. Dann fahren sie gemeinsam durch die Straßen von Pankow und finden einfach nicht zusammen. Der Zuschauer ist so dicht dran am Geschehen, wie er es im Theater niemals sein könnte. So nah, dass er beschämt wegguckt, wenn die beiden Protagonisten zwischendurch am Wegesrand anhalten und – gespielt – intim werden. So nah, dass er einen Schrecken kriegt, wenn der Hauptdarsteller seine Geliebte anbrüllt oder kurz auf die linke Spur wechselt. Manchmal mischten sich die Zuschauer mit gut gemeinten Ratschlägen in das Geschehen ein, sagt Darstellerin Lisa-Marie Janke, das müsse sie dann strikt ignorieren.

Das Erstaunlichste an Strombergs Stück ist aber, dass der Zuschauer schon nach einer Viertelstunde Fahrt nicht mehr unterscheiden kann, was nun Theater ist und was nicht. Starrt der Typ auf dem Gehweg deshalb ins Auto rein, weil er Teil der Inszenierung ist? Oder wundert er sich bloß über das knallblau lackierte Auto? Bald scheint es, als habe sich Tom Stromberg für sein Stück mindestens 300 Statisten geleistet – und die Straßen und Häuser draußen extra als Kulisse gebaut. Hauptdarsteller Sebastian Schwab erinnert sich an vier Inder mit riesigen Turbanen, die einmal direkt vor dem Citroën die Straße überquert hätten: „Wer glaubt da schon an Zufall?“ In Hamburg habe ein „angsteinflößender Bodybuilder mit Kampfhund“ an die Wagentür geklopft und wild gegrölt, aber auch der habe nicht zum eigentlichen Stück gehört. Das Theater auf Rädern ist für die Darsteller genauso gewöhnungsbedürftig wie für das Publikum. Schließlich registrieren sie durch den Rückspiegel jede Regung im Gesicht des Zuschauers – eine „direkte Erfolgskontrolle“, sagt Darstellerin Lisa-Marie Janke, die zwei Jahre lang mit Stromberg am Schauspielhaus gearbeitet hat. Auch sie hofft, dass das Stück in Zukunft noch häufiger zu sehen sein wird und dass dann mehr Zuschauer mit auf Fahrt gehen können. Für alle, die bisher kein Ticket ergattert haben, soll das Stück demnächst verfilmt werden und auf DVD erscheinen.

Der Tagesspiegel verlost dreimal eine Karte für „What are you afraid of?“. Wer Lust hat und volljährig ist, schickt am heutigen Sonntag bis 20 Uhr eine Mail an verlosung@tagesspiegel.de. Bitte als Betreff „Theater“ angeben und die eigene Telefonnummer nicht vergessen. Achtung: Die Vorstellung findet Dienstagabend statt.

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