Berlin : Flucht aus Grunewald

Shopping am Ku’damm, Café in Prenzlauer Berg: Was die Nationalspieler in Berlin machen

Steffen Hudemann

Für einen Abend durften die Nationalspieler ihr schwer bewachtes WM-Quartier verlassen. Und so wurden Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger am Ku’damm beim Shoppen gesehen, Lukas Podolski und Oliver Kahn wurden auf dem Tennisplatz und beim Golfen in Wannsee begrüßt. Jens Lehmann und Christoph Metzelder spazierten mit ihren Freundinnen durch Prenzlauer Berg und gönnten sich ein Eis, ganz entspannt vorm Café „Kauf dich glücklich“.

Sonst braucht man schon etwas Glück, um die Spieler einmal am „Schlosshotel Grunewald“ zu sehen. Nur wenn es dunkel wird, so gegen 21 oder 22 Uhr, und die Fans die Belagerung des Hotels aufgegeben haben, dann kann es passieren, dass ein oder zwei Nationalspieler ganz gelassen die Brahmsstraße entlangschlendern. Das erzählt jedenfalls der Nachbar von Nummer 14, der in T-Shirt und Trainingshose in der Einfahrt steht und geheimnisvoll in Richtung Straße blickt. „Vor ein paar Tagen habe ich den Michael Ballack hier spät abends nach Hause kommen sehen“, verrät der Mann – nicht ohne Ehrfurcht in der Stimme.

Seit genau einer Woche wohnt die deutsche Nationalmannschaft zwei Häuser weiter, in der Brahmsstraße 10 im noblen „Schlosshotel Grunewald“. Viel verändert hat sich für die Anwohner in der grünen Villengegend seitdem kaum. Die Straße ist für den Autoverkehr gesperrt, das Parken verboten, „auch auf dem Gehweg“, wie ein Schild klarstellt. Doch auch ohne Absperrung wäre hier wenig Verkehr. Und wer glaubhaft macht, dass er einen Parkplatz auf seinem Grundstück hat, den lässt die Polizei auch bis dorthin vorfahren. Das trifft in dieser Gegend auf eigentlich alle Anwohner zu. Ansonsten versucht man hier, unnötige Aufregung zu vermeiden. Ein ZDF-Team soll dem Vermieter eines angrenzenden Hauses 80 000 Euro Miete für eine Wohnung mit Blick auf das WM-Quartier der Deutschen geboten haben. Doch der Mann hat abgelehnt. Die Ruhe seiner Mieter war ihm wichtiger.

In einem Mehrfamilienhaus, gleich neben dem WM-Quartier, hat sich die „Bild“-Zeitung einquartiert. Doch viel zu berichten gab es für die Reporter noch nicht: Nächtliche Sauftouren sind bisher nicht bekannt geworden. Lediglich Bundeskanzlerin Angela Merkel kam am Dienstag vergangener Woche zum Abendessen vorbei und wünschte den Spielern viel Erfolg.

In der nahen Hotel-Umgebung, die hier noch Nachbarschaft, nicht Kiez, heißt, hält sich die Aufregung in Grenzen. Der Edeka-Markt am Roseneck hat kräftig dekoriert, die Mitarbeiter tragen Deutschland-Schirmmützen auf dem Kopf und Blumenketten in Schwarz-Rot-Gold um den Hals. Doch die einzige Spur von der Nationalelf ist das alte Mannschaftsfoto hinter den Kräutertöpfen zu je 1,29 Euro. Zum Nutellakaufen ist noch keiner gekommen. „Ach? Die wohnen hier in der Nähe?“, fragt die Verkäuferin am Bäckertresen erstaunt. „Aber ich würde die sowieso nicht erkennen.“ Auch im kleinen Gemüseladen, immerhin mit erhöhtem Promi-Faktor, da zwischen dem Frisör Udo Walz und dem „Wiener Caffeehaus“ gelegen, hat noch niemand etwas gesehen. „Die sollen auch ihre Privatsphäre haben“, sagt die Verkäuferin. Obwohl, ein Autogramm von Ballack hätte sie schon gern. Für ihre Tochter.

Vor dem Schlosshotel ist weiter alles ruhig. Eigentlich seien die Fußballer sehr angenehme Nachbarn, sagt die Rentnerin Ursula Knütter, die mit einem kleinen Rollwagen am Schlosshotel vorbeizieht. „Nur die Fans sind manchmal etwas zu laut.“

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