Berlin : Flucht ohne Ende

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Wie ist es bloß möglich? Manche Politiker sprechen selbst das falsch nach, was ihnen sprachlich korrekt vorgetragen wurde. So geschah es neulich in einer Parlamentsdebatte unter dem Motto: „15 Jahre nach dem Mauerfall – die Einheit gestalten und der Opfer gedenken.“

SibyllAnka Klotz, Fraktionschefin der Grünen, gab ihrer Rede eine eigene Überschrift. Sie zog „Bilanz nach 15 Jahren Mauerfall“. Die verdrehte Formulierung hört sich an, als ob die Berliner Mauer unentwegt seit 15 Jahren fiele, obwohl sie doch, wie jedes Kind weiß, schon vor 15 Jahren gefallen ist. Höchstens in manchen Köpfen existiert sie noch.

Sibylle Meister (FDP) hielt es für ratsam, „den Mauer-Toten zu gedenken“. Auch CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer bezeugte seine Vorliebe für den falschen Dativ. „Dem Aufstand vom 17. Juni (1953) und vor allem seinen Opfern zu gedenken, muss uns Verpflichtung sein“, las er aus seinem Redemanuskript vor.

Wir gedenken aber im Genitiv. Am heutigen Totensonntag gedenken wir der Toten. Das Dumme ist nur, dass sich die Sprachverderber für Sprachschöpfer halten. Sie schludern einfach drauflos oder drücken sich mit Lust so lange fehlerhaft aus, bis das Falsche für richtig gilt und der Duden womöglich noch sein Gütesiegel draufsetzt.

Auch Alice Ströver, Kulturexpertin der Grünen, lieferte dafür ein Beispiel, was ihr vermutlich gar nicht auffiel. Sie sprach von Gedenktafeln „für an der Mauer Flüchtende.“ Nanu! Sind sie etwa immer noch auf der Flucht?

Natürlich nicht. Das wäre ja gelacht. Die völlig verkorkste Formulierung zeigt nur, welcher Nonsens dabei herauskommt, wenn man krampfhaft nach Bezeichnungen sucht, die die weibliche Sprachform einschließen.

Der Flüchtling ist männlich, da ist nichts zu machen. Flüchtende können dagegen sowohl Männer als auch Frauen sein. Also wird das Partizip I des Verbs flüchten – flüchtend – flugs substantiviert, und schon haben wir die weiblichen und männlichen Flüchtenden. Die Grünen haben diese Mode kreiert, weil ihnen die Nennung der männlichen und weiblichen Form mittlerweile zu umständlich erscheint. Sie sagen zum Beispiel bei ihren Reden im Berliner Abgeordnetenhaus kurz Studierende statt Studentinnen und Studenten.

Nur hat diese Mode sprachlich halt einen Haken. Mit dem Partizip I drückt man keinen Dauerzustand aus, sondern die Verlaufsform einer Tätigkeit.

Über die Berliner Mauer kletternd näherten sich die Flüchtenden ihrem Ziel. Wenn sie Glück hatten, erreichten sie es und waren Geflüchtete (abgeleitet vom Partizip II – geflüchtet). Das Gedenken aber gilt jenen, die beim Fluchtversuch erschossen wurden.

Ganz und gar absurd ist die Vorstellung, für Flüchtende in Berlin Gedenktafeln aufzustellen. Die Frauen haben die Vergewaltigung unserer Sprache doch gar nicht nötig.

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