Berlin : Fluchtfalle Diskothek: Polizei ist alarmiert

CHRISTOPH STOLLOWSKY

BERLIN .Nach der Brandkatastrophe in einem Kulturzentrum in Göteborg, bei der 60 Jugendliche ums Leben kamen, prüft die Berliner Polizei nun die Sicherheit der hiesigen Clubs und Tanzhallen.In der Nacht zum Sonntag stellten die Beamten in einer Diskothek in Spandau gravierende Mängel fest: Fluchtwege waren verstellt, Notausgangstüren verschlossen.Zum Zeitpunkt der Polizeirazzia hielten sich im "Paradise" am Siemensdamm etwa 170 junge Leute auf.Im Falle eines Brandes hätte die Tanzfläche für sie zur tödlichen Falle werden können.In der Treptower Konzerthalle "Arena" hat es möglicherweise in der vergangenen Woche während eines Konzertes einen weitgehend unbemerkt gebliebenen Kabelbrand gegeben.Den Betreibern der Disko in Spandau drohen Geldbußen in Höhe von mehreren zehntausend Mark."Wir werden mit aller Härte reagieren", sagte Spandaus Baustadtrat Thomas Scheunemann (SPD) am Sonntag.Durch die Mängel wurde auch die Polizei alarmiert.Sie will weitere Diskotheken unangemeldet auf Sicherheit hin überprüfen.Derartige Kontrollen waren bisher kaum üblich."Wir müssen uns um solche Sachen noch mehr kümmern", sagte Landespolizeidirektor Gernot Piestert dem Tagesspiegel.Er werde sich darum bemühen, alle Verantwortlichen bei Polizei, Feuerwehr und in den Bezirksämtern an einen Tisch zu bekommen.

Als Sonntag früh zwischen 0.30 und 3 Uhr rund 120 Beamte das "Paradise" kontrollierten, verfolgten sie zwei Ziele: Sie überprüften die Anwesenden aufgrund von Verdachtsmomenten, die ein Sprecher nicht näher erläutern wollte, und schauten im Zusammenhang mit der Katastrophe in Göteborg nach den Sicherheitsvorkehrungen.

Die Betreiber der Disko mußten alle beanstandeten Notausgänge sofort freiräumen und aufschließen.Danach durften ihre Gäste wieder auf die Tanzfläche.Das Mängelprotokoll der Polizei soll heute der Spandauer Bauaufsicht vorliegen."Wir werden umgehend noch einmal selbst kontrollieren und ein Bußgeldverfahren einleiten", kündigte gestern deren Vize-Chef Joachim Schultz an.Die Höhe des Bußgeldes werde in solchen Fällen von der Behörde "nach Lage der Dinge" festgesetzt, bei "Gefahr für Leib und Leben" kommen laut Schultz beträchtliche Summen zusammen.Wiederholen sich entsprechende Verstöße oder lassen sie sich nicht sofort beseitigen, kann das Amt ein Tanzlokal schließen.

Diskotheken und andere Versammlungsstätten werden nach Auskunft der Feuerwehr vor ihrer Eröffnung auf Sicherheit hin kontrolliert und danach alle zwei Jahre.Das sieht die "Brandsicherheitsschauverordnung" vor.Bei solchen Besuchen stehen die Beamten der Feuerwehr gemeinsam mit Vertretern der Bauaufsicht vor der Tür, doch ihre Prüfgänge sind wenig effektiv, weil sie sich zuvor ankündigen müssen.Die Bauaufsichtsbehörde hat eine weitaus wirkungsvollere Kontrollmöglichkeit: Sie darf, ebenso wie die Polizei, auch unangemeldet nach dem Rechten schauen.

Das scheitert aber oft an Personalmangel.Laut Joachim Schultz fehlen in Spandau "etliche Mitarbeiter für solche Einsätze".Erschwerend komme hinzu, daß Kontrollen nur am Wochenende sinnvoll seien.Dennoch kündigte Schultz an, man werde entsprechende Initiativen verstärken.

Wie leicht sich bei öffentlichen Musikveranstaltungen Brände entwickeln können, zeigt ein Vorfall in der "Arena" in Treptow.Nach Darstellung von Besuchern eines Konzertes der Rockband "Massive Attack" am vergangenen Dienstag quoll während der Zugaben aus einem Scheinwerfermast plötzlich Rauch.Danach habe es nach angeschmorten Kabeln gerochen.Zu dieser Zeit hatten viele Zuhörer die Arena schon verlassen.

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