Fluchtpunkt Berlin : Libanesin baut sich neues Leben auf

Vor 40 Jahren begann der Bürgerkrieg im Libanon. Viele Menschen kamen seitdem nach Deutschland, auch Wafaa El-Mohamad.

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Neues Leben. Wafaa El-Mohamad hat drei Kinder in Berlin großgezogen, Deutsch gelernt und arbeitet heute in einer Neuköllner Kita.
Neues Leben. Wafaa El-Mohamad hat drei Kinder in Berlin großgezogen, Deutsch gelernt und arbeitet heute in einer Neuköllner Kita.Foto: Sven Darmer

Das Lachen von Wafaa El-Mohamad ist ansteckend. Die 44-Jährige kichert fast wie ein kleines Mädchen, ihre Schultern wackeln, während sie sich etwas verschämt die Hand vor den Mund hält. Die gebürtige Libanesin ist ein fröhlicher Mensch, das merkt man gleich, wenn man ihr begegnet. Sie sitzt in ihrer kleinen Tempelhofer Wohnung zwischen zitronengelben Wänden und Gardinen auf einem Sessel und strahlt. Ihre freundliche Art verrät nichts über die schwere Vergangenheit, über ihre Kindheit während des libanesischen Bürgerkriegs. Vor 40 Jahren hat sich ihr Schicksal verändert, als am 13. April 1975 der Konflikt zwischen Muslimen und Christen im Libanon entbrannte. 15 Jahre lang war das Land am Ufer des östlichen Mittelmeeres ein brodelnder Kessel, rund 800 000 Menschen verließen den Libanon, mehrere tausend auch in Richtung Berlin – so ähnlich wie heute ungezählte Flüchtlinge aus anderen aktuellen Krisenherden.

Wafaa El-Mohamad war fast bis zum Kriegsende im Libanon. Ihre ersten Lebensjahre vor dem Krieg verbrachte sie in der Hauptstadt Beirut. Ihre Familie lebte in einer Wohnung im muslimisch geprägten Westen der Stadt, die meisten libanesischen Christen wohnten im Ostteil. Plötzlich war es gefährlich, im falschen Viertel auf die Straße zu gehen. „Wer Muslim war, wurde umgebracht. Für Christen war das andersrum genauso.“ Schon nach kurzer Zeit packte ihre Eltern die Angst, die Familie floh in ihr südlibanesisches Heimatdorf. Einfach war die Entscheidung nicht. „Mein Vater verlor dadurch seine Arbeit in einem Hotel und im Süden konnte er keine neue finden.“ Um die Familie durchbringen zu können, ging der Vater nach Saudi-Arabien, seine Kinder sah er nur noch einmal im Jahr. Dafür konnten die Kinder eine gute Privatschule besuchen, auf der muslimische und christliche Kinder gemeinsam unterrichtet wurden – „und es gab überhaupt keine Probleme zwischen uns“, erzählt El-Mohamad. Schwer wurde das Leben vor allem, wenn wieder einmal Kämpfe ausbrachen.

Ihr Cousin starb durch ein Bombenattentat

Erzählt die dreifache Mutter von ihren Erinnerungen aus den Kriegsjahren, wird ihre Stimme brüchig, ihre Augen röten sich. Einmal fuhren israelische Soldaten durchs Dorf und gaben Warnschüsse ab. Ihre Mutter eilte mit der ältesten Schwester zum Nachbarn, doch das Mädchen blieb zwischen den Häusern auf dem Boden liegen, weil sie im Schockzustand nicht mehr laufen konnte. „Neben ihr schlugen die Kugeln ein.“ Passiert ist ihrer Schwester körperlich nichts, doch die Erinnerung bleibt, auch bei Wafaa El-Mohamad. Ihr Cousin starb durch ein Bombenattentat. Er war eines der 90 000 Todesopfer, die der Krieg forderte.

Der Konflikt führte auch dazu, dass El-Mohamads Abiturprüfungen ausfielen, mit einem provisorischen Zeugnis ging sie noch für ein Jahr an eine Universität, bis ihr Mann, den sie gerade erst geheiratet hatte, entschied, dass sie gemeinsam fliehen sollten. Als Soldat war er immer wieder in Krisenregionen eingesetzt worden, seine Angst war zu groß geworden. Mit ihm bestieg Wafaa El-Mohamad 1990 ein Flugzeug nach Berlin-Schönefeld – hochschwanger, 19 Jahre alt und ohne weitere Verwandte. Nur vier Tage nach ihrer Ankunft kam ihr erstes Kind zur Welt. „Das war damals alles sehr schwer für mich.“ Aber die junge Frau biss sich durch. Sie bekam bis 1996 zwei weitere Kinder, lernte fließend Deutsch, machte den Führerschein und besserte die Familienkasse mit verschiedenen befristeten Jobs auf. Als die Ehe kurz nach der Jahrtausendwende zerbrach, erzog sie die Kinder allein weiter. Seit 2013 hat sie zu der libanesischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft und macht eine lang ersehnte Ausbildung zur Erzieherin. Nebenbei arbeitet sie in einer Neuköllner Kita. „Als Erzieherin kann ich Deutschland etwas zurückgeben“, sagt sie.

Heimweh nach Berlin

Wenn sonst von Libanesen in Berlin die Rede ist, geht es in der Regel um ganz andere Fälle als Wafaa El-Mohamad: Seit Jahren kämpft die Polizei mit wenig Erfolg gegen kriminelle Famlienclans, die sich seit den neunziger Jahren gebildet haben. Ihre Mitglieder haben oft einen arabischen oder palästinensischen Hintergrund und waren schon im Libanon von der Gesellschaft ausgeschlossen. Hier leben viele bewusst von Hartz IV und fallen vor allem durch Gewalttaten auf. Gerade die jungen Männer gelten als besonders gefährlich.

Mit Wafaa El-Mohamad und ihrer Familie hat das jedoch nichts zu tun. Ihre Wurzeln sind im Libanon, doch mittlerweile hat sie den Großteil ihres Lebens an der Spree verbracht. „Bin ich mal zu Besuch im Libanon, habe ich schnell Heimweh – ich liebe Berlin.“ Es war zwar nicht immer leicht, aber langsam sei sie so richtig hier angekommen.

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