Flüchtlinge : "Berlin ist sauber, ruhig und ordentlich"

Seit einer Woche lebt die erste irakische Flüchtlingsfamilie in der Stadt – und hat schon viele Pläne.

Andrea Nüsse
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Entspannt. Azhar Yassem und Hamid Najim (links) mit ihren vier Kindern im Notaufnahmelager Marienfelde. Die Herzkrankheit der...Foto: Uwe Steinert

„Irina, komm her“, ruft die sechsjährige Sara von der Schaukel aus und winkt dem blassen Mädchen zu. Mehr Deutsch kann Sara noch nicht – ihre neue Freundin Irina, die aus Russland kommt, allerdings auch nicht. Doch schon holen beide Mädchen Schwung auf der breiten Schaukel im Notaufnahmelager Marienfelde, ihrem neuen provisorischen Zuhause.

Saras aus dem Irak stammende Familie ist vor einer Woche in Berlin eingetroffen. Sie sind die ersten der etwa 125 irakischen Flüchtlingen, welche in diesem Jahr nach Berlin kommen werden. Deutschland hatte sich letztes Jahr verpflichtet, 2500 Flüchtlinge aus dem Irak für zunächst drei Jahre aufzunehmen.

Saras großer Bruder Duraid sitzt mit seinen Eltern und den beiden älteren Schwestern in einem der Schlafzimmer im ersten Stock des Wohnblocks. Ihn interessiert der Kontakt mit Russlanddeutschen weniger. „Ich will ganz schnell Deutsch lernen und deutsche Freunde finden“, sagt der 17-Jährige. Er kann es kaum abwarten, dass die Sprachschule endlich losgeht. Spätestens nach dem Sommer will er in eine deutsche Schule gehen. „Dann mache ich einen Abschluss, der weltweit anerkannt ist, und kann studieren, Chemie oder Elektrotechnik.“ Die Augen des kräftigen jungen Mannes leuchten. Die letzten drei Jahre ging Duraid in Damaskus zur Schule, wohin die Familie 2006 geflohen war. Berlin gefällt ihm gut, es ist „schön, sauber, ruhig und ordentlich“. Dass die Bevölkerung von Marienfelde in einer Bürgerversammlung beruhigt werden musste, dass ihr Stadtteil nicht von Irakern überrannt wird, weiß er wohl nicht.

Die Familie von Sara und Duraid stammt aus Bagdad, aus dem Viertel Hureyya-Dolaie, in dem Sunniten und Schiiten gemeinsam lebten. Im Sommer 2006 glitt das Chaos nach dem amerikanischen Angriffskrieg auf den Irak immer stärker in bürgerkriegsähnliche Zustände ab. „Wir bekamen Morddrohungen von schiitischen Milizen“, erzählt der 46-jährige Sunnit Hamid Najim. Zunächst rettete sich die Familie in das Haus des Onkels im selben Stadtteil. Im Oktober 2006 flüchtete die Familie vor der anhaltenden Gewalt in das Nachbarland Syrien. „Wir waren dort als Gäste willkommen, die Schule war kostenlos“, preist Hamid die Großzügigkeit der Syrer.

Allerdings gab es keine Arbeitserlaubnis und auch ansonsten keinerlei Rechte. Alle dachten, dass dieses Provisorium einige Monate dauern würde. Doch als klar war, dass die Familie auf absehbare Zeit nicht in den Irak zurückkehren könnte, bemühte sich Hamid über das UN-Flüchtlingswerk um eine Weiterreise in ein Drittland. „Wir waren Hunderttausende, aber weil meine Tochter Nour ein Herzproblem hat und Behandlung braucht, erhielten wir Priorität.“ In Berlin hat Nour schon die ersten Untersuchungen hinter sich – bei einem aus dem Irak stammenden Arzt, der die Unterlagen an das Herzzentrum Berlin weitergeleitet hat. „Das ist toll“, sagt Mutter Azhar, und serviert Tee, sehr süß, wie im Irak üblich. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Irakischen Kulturvereins kommt herein und verteilt BVG-Fahrkarten für den nächsten Tag, wenn der Gang zur Ausländerbehörde bevorsteht. Der Verein hat im Lager Marienfelde ein eigenes Büro eröffnet und betreut die Flüchtlinge fast rund um die Uhr. „Bisher läuft alles reibungslos“, sagt Ahmad al Hakim, der die Familie als Dolmetscher begleitet. Jobcenter, AOK, Sparkasse – die Bürokatie sei hier „ähnlich“ wie im Irak, sagt Hamid diplomatisch. Der gelernte Elektroingenieur hofft auf einen Job, aber „von der Arbeitslosigkeit hier habe ich jetzt schon viel gehört“. Zunächst scheint die Familie zu genießen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht mehr auf sich allein gestellt ist. Sehnsucht nach dem Orient? „Nach einer Woche doch nicht“, lacht Hamid.

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