Flüchtlinge in Berlin : "Aus einer Notunterkunft ist keine Integration möglich"

Als Kind landete Barbara John selbst in einer Flüchtlingsunterkunft: Die ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats über Freiwillige, Behördenversagen – und Kitas im Flughafen Tempelhof.

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Kinder spielen in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin. Mehrere ehemalige Flugzeug-Hangars dienten bereits im vergangenen Dezember als Notunterkunft für mehr als 2000 Flüchtlinge, davon gut ein Drittel Kinder.
Kinder spielen in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin. Mehrere ehemalige Flugzeug-Hangars dienten bereits im...Foto: dpa / Bernd von Jutrczenka

Barbara John, 78, war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats. Sie ist unter anderem Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin und Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer des NSU.

Frau John, hätten Sie erwartet, dass die Flüchtlingskrise eine so große Welle der Hilfsbereitschaft auslöst?
Das konnte niemand vorhersehen. Die massenhafte akute Not von Flüchtlingen löste bei den meisten ein funktionierendes Mitempfinden aus: Wenn wir Menschen sehen, die am Boden liegen, Hunger und Durst leiden und unzulänglich gekleidet sind, gehen wir hin, heben sie auf, bieten ihnen etwas zu essen und zu trinken und ein sauberes, warmes Kleidungsstück an.

Wie erleben Sie die Flüchtlinge in Ihrer täglichen Arbeit?

Die intensivsten Kontakte hatte ich in einem Flüchtlingsheim in Kreuzberg, in der Blücherstraße. Dort habe ich ganz gezielt mit Frauen und Männern über unsere Arbeitsvermittlung "Work for Refugees“ gesprochen. Wir wollten dieses Projekt mit Geflüchteten gemeinsam entwickeln, fragen, welche Angebote sie brauchen. Drei Dinge sind mir dabei ins Auge gesprungen: Viele wollen so schnell wie möglich Arbeit finden, um auf eigenen Füßen zu stehen und auch um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Und sie wollen aus der Isolation des Heimlebens heraus. Sie sagen: „Ein Deutschkurs hilft uns wenig, wenn wir hier unter uns bleiben und nur Arabisch oder Kurdisch sprechen.“

Würden Sie einen Geflüchteten bei sich zu Hause aufnehmen?
Nein, bei diesem Gesinnungstest falle ich durch. Aber ich habe eine kleine Wohnung gekauft, mit der Absicht, dort einen oder zwei Flüchtlinge unterzubringen. Zuerst gemeldet hat sich eine länger hier lebende Einwanderin, die in einer prekären familiären Situation wohnungslos war. Also hat sie die Wohnung bekommen.

Sie haben als Kind die großen Fluchtbewegungen miterlebt. Fühlen Sie sich heute manchmal in diese Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkriegszurückversetzt?

Daran erinnere ich mich lebhaft. Ich bin zwar in Berlin geboren und aufgewachsen, aber während der großen Bombenangriffe auf Berlin war ich mit meiner Mutter – mein Vater war Soldat – in Schlesien bei den Großeltern. Dorthin kamen 1945 zuerst die Russen, dann die Polen. Während der Flucht habe mich immer von meiner starken Mutter beschützt und behütet gefühlt. Aber es gab sehr dramatische Momente. Einmal wurden wir zusammengetrieben und dachten, wir würden jetzt alle umgebracht. Da kam eine furchtbare Angst hoch, an die ich gelegentlich noch mit Schaudern denke.

Barbara John.
Barbara John.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Und dann mussten Sie aus Schlesien fliehen.

Das war die Vertreibung! Wir mussten raus aus Schlesien, sind mit Transporten in großen Waggons nach Delmenhorst gekommen. Dort brachte man uns in einer Linoleumfabrik unter. Wir schliefen zuerst auf dem Fußboden, es gab eine Toilette für 150 Leute. Heute sind die sanitären Verhältnisse besser, trotzdem lässt die Erstunterbringung keinerlei Privatsphäre zu. Das müssen wir heute wissen: Aus einer solchen Notunterkunft heraus ist keinerlei Integration möglich.

In der Vergangenheit gab es auch schon Notsituationen, doch da haben sich nicht so viele engagiert. Was ist jetzt hinzugekommen?

Es gibt die alltägliche Not von Obdachlosen oder von alten Menschen, die isoliert und einsam sind mitten unter uns. Viele helfen ihnen, aber viele denken auch, dafür haben wir den Sozialstaat; eigentlich ist doch jeder versorgt. Bei den Flüchtlingen war das anders. Wir haben das Elend über Monate kommen sehen: auf den Booten, auf der Balkanroute. Menschen, die in der Heimat und auf der Flucht alles verloren haben, teilweise sogar ihre Angehörigen. Wir haben gesehen, dass sie in Italien und in Griechenland häufig unversorgt geblieben sind. Das bewirkt die Macht der medialen Bilder. Sie hat bei vielen Menschen große Erschütterung ausgelöst: Hier kann und muss ich mich einbringen.

Jeder hat erkannt, dass der Sozialstaat damit überfordert ist?

Absolut. Die Flüchtlinge kamen in Deutschland an – und da war nichts und niemand. Niemand außer den ehrenamtlichen Helfern, die da standen, mit ihren Decken, ihren Kuscheltieren und ihrem Kaffee. Da stand ja kein Staatsbediensteter, abgesehen von den Polizeibeamten. Auch bei den Behörden wie zum Beispiel dem Berliner Lageso war erst einmal gar nichts, nur unkoordinierte, lange Schlangen. Es gab überhaupt keine Kommunikation, wie es für die Hilfesuchenden konkret weitergehen sollte.

Das großflächige Versagen der Behörden hat auch zum Frust bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern geführt.

Ganz sicher. Die Ehrenamtlichen am Lageso sind schnell dahinter gekommen, dass viele Flüchtlinge Tage, ja sogar Wochen brauchten, um von der Behörde überhaupt wahrgenommen zu werden. In dieser Zeit waren es die ehrenamtlichen Helfer, die Menschen über Wasser gehalten haben. Die Helfer hat noch mehr verärgert, dass ihre Bemühungen, die Verwaltung zu unterstützen, nicht angenommen wurden. Daraufhin haben sich viele Helfer selber sehr stark organisiert. Doch wenn so viele so viel Gutes tun wollen, gibt es auch ein Durcheinander. Eine wirklich vertrauensvolle, partnerschaftliche Kooperation mit dem Amt scheint bis heute nicht zustande gekommen sein.

Trotzdem geben die Helfer nicht auf. Was genau motiviert die vielen Freiwilligen eigentlich, über so lange Zeit dabeizubleiben?

Warum sollten sie aufgeben? Es sind Studierende, Berufstätige oder Menschen, die langjährig in gehobenen Positionen tätig waren. Sie wissen, wie man lösungsorientiert arbeitet. Die allermeisten wollen nicht mal nur eben hingehen und vielleicht ein paar Kleidungsstücke abgeben. Was sie anfangen, soll auch zu einem einigermaßen guten Ende kommen. Das kann bei Einzelnen zu einer Droge werden: „Ich sehe hier immer noch Probleme, das läuft nicht ohne mich.“ Das Wichtigste ist aber, dass sie die Menschen nicht allein lassen wollen.

Flüchtlinge warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales.
Flüchtlinge warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales.Foto: dpa

Vergangenen Mittwoch postete ein Helfer in die Welt, ein Syrer sei nach einer Erkältung gestorben. Verlieren die Freiwilligen an Glaubwürdigkeit nach dieser Falschmeldung um einen angeblich toten Flüchtling am Lageso? 

Die Helfer sind dadurch nicht diskreditiert, und ihre Hilfe ist weiter notwendig. Der Vorgang zeigt aber, dass die Maßstäbe in der Debatte verlorengegangen sind. Die Erregung über das Lageso war größer als das Entsetzen über den angeblich toten Flüchtling. Das zeigt, welch verdammter Ort diese Erstaufnahmestelle geworden ist. Der Senat wäre gut beraten, das Lageso zu verlegen, weil dieser Ort sein Negativ-Image nicht mehr los wird.

Hoffen Sie darauf, dass sich die Helfer auch in Zukunft bürgerschaftlich engagieren werden? Gibt es da womöglich einen Qualitätssprung im Ehrenamt?

Zum einen gibt es in Deutschland seit Langem eine Ehrenamtskultur, getragen von Leuten, die etwas zurückgeben wollen. Die ist seit Jahrzehnten im Wachsen, insofern gab es eine grundsätzliche Bereitschaft, auch bei den Flüchtlingen anzupacken. Durch die Flüchtlingshilfe hat das noch einmal einen Schub bekommen. Doch freiwilliges Engagement braucht Pflege und Organisation. Für jene, die helfen, und jene, die Hilfe annehmen. Das macht das Besondere dieser Hilfe aus. Die Geflüchteten wissen, dass die Menschen da sind, weil sie sich für ihr Schicksal interessieren, weil sie sie wahrnehmen. Das ist in einer Großstadt, wo es viel Anonymität gibt, enorm wichtig.

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) hat jetzt ein Programm für „Patenschaften“ aufgelegt, auch um die professionelle Koordination und Begleitung von Ehrenamtlichen zu finanzieren. Ist das ein richtiger Weg?

Ein sinnvoller Ansatz, weil aus Patenschaften tragfähige freundschaftliche Bindungen wachsen können. Es gibt in Berlin Träger, die sich dafür schon beworben haben. Es gibt außerdem ein Bundesfreiwilligenprogramm für Flüchtlingsarbeit mit einem Kontingent von 10 000 Plätzen für freie Träger und 5000 für Kommunen. Die freien Träger nutzen das bereits, aber wir warten in Berlin, dass auch die Verwaltung mal was beantragt. Es gibt viele, die sich gerne einbringen wollen, weil sie dann eine gewisse Verlässlichkeit hätten und eingebunden wären in eine Struktur. Das müsste der Senat beantragen, und die Wohlfahrtsträger würden das sogar begleiten. Da ist bedauerlicherweise noch nichts passiert.

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