Flüchtlinge in Berlin : Das Geld ist trotzdem knapp

Viele Flüchtlinge wollen nach Berlin - hier bekommen sie Bargeld und keine Gutscheine. Deshalb sind die Wohnheime auch überfüllt. Über das zusätzliche Geld, dass ihnen das Bundesverfassungsgerichts zugesprochen hat, freuen sie sich. Alle Probleme lassen sich damit aber nicht lösen.

Jessica Tomala
Unter Druck. Die Lebensbedingungen für Asylbewerber haben wiederholt Kritik provoziert. So fordern Flüchtlinge und ihre Unterstützer schon lange die Schließung des Heims in der Motardstraße. Foto: Steffen Tzscheuschner
Unter Druck. Die Lebensbedingungen für Asylbewerber haben wiederholt Kritik provoziert. So fordern Flüchtlinge und ihre...Foto: Tzscheuschner

Es ist etwas versteckt, das Wohnheim Trachenbergring für Flüchtlinge in Marienfelde. Auch der Eingang ist nicht leicht zu finden, denn der Innenhof ist dicht bewachsen, der Eingang liegt im Dunkeln. Trist. Grau. Leblos. Aber nur von außen. In der Eingangshalle des Wohnheims herrscht reger Betrieb. Überall sitzen Menschen. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, Irak und Palästina. Vor den gelb gestrichenen Wänden sitzen zwei Iranerinnen auf einer Bank und planen den nächsten Einkauf. Unter ihre persische Muttersprache mischen sich auch immer wieder gebrochene deutsche Sätze: „Wir gehen Aldi. Da gibt es Angebot.“ Denn sparen müssen sie alle.

Am Mittwoch hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, dass der Leistungssatz für Asylbewerber von 224,97 Euro im Monat verfassungswidrig ist. Eine neue Regelung muss her, rückwirkend zum 1. Januar 2011 bekommen die Asylbewerber jetzt die gleichen Bezüge wie Hartz-IV-Empfänger, also 336 Euro. Darüber freuen sich die 190 Flüchtlinge im Marienfelder Wohnheim. Gut leben können sie von dem bisher ausgezahlten Geld nicht, sagt Tahereh Lindhorst, die als Sozialberaterin im Flüchtlingsheim arbeitet. „Man muss darauf achten, was man kauft. Günstig muss es sein“, erzählt eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Der erste Tag des Monats, wenn ihr das Geld in der Zentralen Leistungsstelle für Asylbewerber in die Hand gedrückt wird, sei immer ein guter Tag. „Wenn sich der Monat aber dem Ende neigt, leihen sich die Bewohner untereinander etwas“, sagt Lindhorst. Die junge Frau hat eine Stelle als Reinigungskraft in einer gemeinnützigen Einrichtung. Einen Euro pro Stunde bekommt sie dort. 84 Euro im Monat. Damit bessert sie ihre Kasse etwas auf.

„Geld ist immer ein Problem. Denn viele warten bis zu einem Jahr, meist noch länger auf ihren Asylbescheid“, sagt Uta Sternal, Bereichsleiterin für das Übergangswohnheim in der Marienfelder Allee. Das liegt auch an dem großen Andrang. „Viele Flüchtlinge wollen nach Berlin, weil wir schon immer viel entgegenkommender waren als andere Länder. Wir zahlen bar aus und geben ihnen keine Gutscheine“, sagt Silvia Kostner, Pressereferentin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales. Die Berliner Wohnheime seien überfüllt. Deshalb sei das Heim in der Motardstraße in Siemensstadt auch noch mit 350 Asylbewerbern belegt, obwohl es eigentlich aufgrund massiven Protestes gegen die Lebensbedingungen in dem Heim zum 1. Juli geschlossen werden sollte. „Wir haben großen Schlafplatzmangel, deshalb muss das Wohnheim zunächst geöffnet bleiben. Sonst müssen wir Turnhallen oder Zelte organisieren, das kann keine Lösung sein“, sagt Kostner.

Probleme gibt es aber nicht nur mit Geld und Wohnraum, auch die Verständigung mit den Flüchtlingen sei schwierig, erzählt Tahereh Lindhorst. „Wir sprechen persisch, kurdisch, russisch, kroatisch und englisch. Manchmal kommen auch vietnamesische Dolmetscher. Mit allen Sprachen können wir aber nicht dienen.“ Einige Asylbewerber sprechen aber auch schon etwas deutsch. So wie die junge Frau, die als Reinigungskraft arbeitet. „Ich habe noch keinen Sprachkurs gemacht, dafür fehlt mir Geld“, erzählt die 26-Jährige. „Aber ich bringe es mir selber bei.“ Vor acht Monaten floh sie mit ihrer Familie aus Afghanistan. Nur ihr Vater blieb zurück. „Ein Teil ihrer Familie ist auch in der Schweiz“, übersetzt Lindhorst. Die junge Frau wollte studieren. Ingenieurwissenschaften. „Frauen sollen bei uns aber eigentlich nicht studieren.“ Sie war eine der Besten beim Abitur. Zum Studium zugelassen wurde sie nicht. Ein Freund ihres Vaters versprach, ihr einen Universitätsplatz zu besorgen, wenn sie ihn heiraten würde. Sie lehnte ab, ihr Vater arrangierte die Zwangshochzeit. „Studieren durfte ich trotzdem nicht. Er schlug mich. Immer wieder. Als er mir mein Kinn zertrümmerte, musste ich operiert werden, und meine Mutter plante die Flucht“, sagt sie. Nun hofft sie darauf, in Deutschland bleiben zu können. Und zu studieren.

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