Flüchtlinge in Berlin : Ein neues Leben dank der vielen Helfer und Freunde

Nach ihrer Flucht erlebten sie eine Ämter-Odyssee. Doch jetzt ist alles besser. Zwei junge Syrer erzählen von ihren ersten Erfolgen, die sie dank der Hilfe vieler Menschen geschafft haben.

Lara Wolf
Asyl ist nicht alles. Nach der Anerkennung gehen die Probleme für manchen Flüchtling weiter.
Asyl ist nicht alles. Nach der Anerkennung gehen die Probleme für manchen Flüchtling weiter.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Es war eine Odyssee durch die Behörden, die der syrische Flüchtling Hussam gemeinsam mit unserer Autorin im vorigen Jahr zurückgelegt hatte. Unter dem Titel „Gegen die Wand“ protokollierten sie im Tagesspiegel den Weg durch die Instanzen, auf dem ihnen auch Flüchtling Nasr begegnete. Seit der Veröffentlichung im Herbst ist einiges passiert.

Wenn man sie fragt, ob sie sich trotz all der Hindernisse, des schweren Starts und der komplizierten Sprache wieder auf den Weg von Syrien nach Deutschland machen würden, sagen beide ohne zu zögern und lächelnd „ja“.

Neues Leben aufgebaut

Sie haben sich ein neues Leben in Berlin aufgebaut, haben einen „Plan“, wie Hussam, 24, und Nasr, 27, sagen. Zusammen kamen die beiden im Mai 2015 nach einjähriger Flucht aus Aleppo nach Berlin. Klar sei der Anfang hart gewesen: Das Lageso sei der schlimmste Ort, das beengte Leben der Erstunterkunft in Neukölln war anstrengend. Hinzu kamen die Unsicherheit über ihre Zukunft in Berlin und die Sprachprobleme. Wenn sie nun zurückblicken, ist über die letzten neun Monate dennoch fast alles so gekommen, wie sie es sich erhofften: Sie haben Freunde gefunden und leben ein normales Leben in Sicherheit und Stabilität. Da ist es, was sie wollten, sagen beide.

Berlin sagt Danke
MANDY SEIDLERAm besten bringt man Menschen beim gemeinsamen Essen zusammen, dachten sich Mandy Seidler und Benjamin Hanstein vom „Welcome Dinner Berlin“. Das Prinzip ist einfach: Berliner laden Flüchtlinge zu sich ein. Registrieren muss man sich über die Homepage. „Wir fragen nach Alter, Geschlecht, Sprachkenntnissen, Herkunftsland und Essenswünschen“, erklärt Mandy Seidler. Dann wird gematcht. Oft kommen Familien zu Familien, junge Männer und Frauen in eine WG. „Inzwischen haben 100 Welcome Dinner stattgefunden“, sagt die 32-Jährige. „Wir hatten nur positives Feedback.“ Auf der Facebook-Seite finden sich viele Selfies von gemeinsamen Abendessen. Eines freut die Literaturwissenschaftlerin besonders: „Inzwischen laden die Flüchtlinge ihre Gastgeber nach dem Dinner auch häufig zu sich ein, selbst wenn sie noch in einer Unterkunft wohnen.“ In unserer Bildergalerie zeigen wir Berlinerinnen und Berliner, die Geflüchteten helfen: Bei der Unterbringung und Versorgung, sie geben ihnen neue Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg und Verfolgung, begleiten sie auf Behördengängen, geben ihnen Wohnraum oder Arbeitsplätze. Klicken Sie sich doch mal durch!
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1 von 25Foto: Kitty Kleist-Heinrich
30.01.2016 14:56MANDY SEIDLERAm besten bringt man Menschen beim gemeinsamen Essen zusammen, dachten sich Mandy Seidler und Benjamin Hanstein vom...

Heute stehen für die jungen Männer die deutschen Bekannten und neuen Freunde an erster Stelle. Denn erst als Hussam und Nasr die Berliner kennenlernten, wurde alles einfacher, sage sie übereinstimmend. Kenne man keine Deutschen, sei man ziemlich aufgeschmissen.

Herzliche Helfer

Es gehe dabei nicht nur um Hilfe bei den Behördengängen, sondern auch um die vielen Helfer, beispielsweise von der Nachbarschaftshilfe Neukölln, vom Programm „Startklar mit Freunden“, die ihnen als erste offen und herzlich gegenübertraten, als sie neu und verloren waren. Besonders, dass die meisten verstünden, wie hilflos Nasr und Hussam sich manchmal fühlen, macht sie froh. (Mehr Geschichten von Helfern lesen Sie hier) Und wenn ihre deutschen Freunde sie zu Parties mitnehmen, ins Fitnesscenter oder zum Essen einladen, haben sie das Gefühl, dass alles gut wird. Vor allem Weihnachten war schön, als sie bei der Familie einer Freundin waren und die Gebräuche kennenlernten. Ganz toll fand Nasr auch, dass Silvester ihnen jeder auf dem Alex „Frohes neues Jahr“ zurief.

Sorgen wegen der Übergriffe in Köln

Beim Thema Silvester mischt sich Hussam ein. Ihn beschäftigen die Übergriffe in Köln. Auch Nasr ist besorgt. Schon nach den Anschlägen von Paris waren sie beunruhigt, dass man alles auf die syrischen Flüchtlinge schieben würde. Nach Köln hat sich dieses Gefühl verstärkt. „Ich habe mich so geschämt für die Taten der Araber“, sagt Hussam. Nasr hat zwei Neffen in Köln, die mit 17 und 19 Jahren allein nach Deutschland kamen. Sie würden sich nun nicht mehr mit arabischen Freunden in der Öffentlichkeit treffen, ständig würden Ausweise kontrolliert.

Zum Glück in Berlin

Deshalb sind Hussam und Nasr heilfroh, dass sie in Berlin leben. Mittlerweile liebten sie die Stadt: Es sei so schön voll, so wie in Aleppo. Als Hussam einmal im Herbst einen Freund in Würzburg besuchte, kam er nach nur einem Tag zurück und sagte, er habe Berlin so sehr vermisst. Die Stadt sei nun seine Heimat. Nasr ist etwas zögerlicher: Erst wenn er seine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis habe, sei er sicher, dass dies seine Heimat ist. Der Zweifel, ob sie Behörden vertrauen können, ob sie nicht irgendwann plötzlich zurückgeschickt werden, schwingt immer mit.

Seit Oktober sind die beiden nun im Integrationskurs. Die Fortschritte sind groß, mittlerweile führen sie Telefonate mit Freunden auf Deutsch, und nach der Schule sprechen sie manchmal sogar Deutsch miteinander in der Bahn. Beide haben auch jeweils eine eigene Wohnung gefunden. Und die Zukunft sieht toll aus.

Ausbildungsplatz gefunden

Nasr hat vor zwei Wochen eine Ausbildung im IT- und Marketingbereich eines großen Sportunternehmens begonnen. Seine Kollegen helfen immer, wenn es mit der Sprache noch hapert. Davor hatte er bereits ein paar Monate in einem Café gearbeitet. Hussam hat er die Zusage für eine Ausbildung bei Siemens. Ab März wird er erst mal sechs Monate Vorbereitung machen und dann hoffentlich zusammen mit deutschen Kollegen die Ausbildung absolvieren. „Wenn ich das schaffe, wird alles gut“, sagte er. Er freut sich darauf, dass er bald nicht mehr dem Jobcenter auf der Tasche liegen muss.

In diesen glücklichen Momenten vergessen sie auch die schlechten Erlebnisse: Dass sich neulich eine Frau demonstrativ wegsetzte in der S-Bahn, als sie Arabisch sprachen. Das sei ihnen egal, sie denken dann an ihre Freunde hier. Nur, dass ihr Deutsch noch nicht gut genug war, um sich zu äußern, stört Nasr noch. Und dass sie hin und wieder Heimweh haben.

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