Flüchtlinge in Berlin : Einschulung mit Kuscheltier

An der Herman-Nohl-Schule wurde eine „Willkommensklasse“ eingeschult.  Für manche Kinder bleibt es wohl nur ein Schulbesuch auf Zeit.

Pascale Müller
Kuscheltier in der Zuckertüte. Willkommensklasse der Neuköllner Hermann-Nohl-Grundschule.
Kuscheltier in der Zuckertüte. Willkommensklasse der Neuköllner Hermann-Nohl-Grundschule.Foto: Georg Moritz

Der sechsjährige Abou Zeid Afandi aus dem Irak sitzt auf einer Holzbank in der Aula der Herman-Nohl-Schule in Neukölln. Um ihn herum herrscht das Geschnatter von 55 Erstklässlern und das Geraune ihrer Eltern und Großeltern. Berlin schult ein. Abou Zeids Platz ist in der zweiten Reihe, neben sieben anderen Kindern, die ab nächster Woche wie er in eine neue „Willkommensklasse“ gehen werden.

Sie kommen aus dem Irak, aus Russland, der Mongolei, Bosnien, Serbien, Albanien und Rumänien. In Neukölln gibt es 25 „Willkommensklassen“ in Grundschulen, mit denen in Gymnasien und Sekundarschulen sind es sogar etwas über 40.

Abou Zeids Vater, auf dem Kopf eine Schirmmütze, in der Hand eine Plastiktüte, sitzt einige Reihen weiter hinten. Schulleiterin Ilona Bernsdorf schlägt einen großen Gong. Es wird still im Raum. „Ab Montag seid ihr auch unsere Kinder, Kinder der Herman-Nohl-Schule“, sagt sie. Der Rewe-Markt am Wildhüterweg hat für die Willkommensschüler Schultüten spendiert, der Förderverein der Schule zusätzlich ein Kuscheltier hineingelegt.

Oberschulrätin Gisela Unruh spricht im Video über Verständigung, Unsicherheiten und Unterstützer der Willkommenklasse.

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Willkommensklasse in Berlin-Neukölln
Willkommensklasse in Berlin-Neukölln

Für die Kinder, die alle aus der nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft kommen, ist der Schulstart schwer, einige sind traumatisiert, viele noch nicht lange in Deutschland. „Wir werden das zusammen hinkriegen“, sagt Ilona Bernsdorf. Dann wandern die neuen Grundschüler im Gänsemarsch zu ihrer neuen Klasse. Auf der Treppe fängt Abou Zeid plötzlich an, zu weinen. Sein Vater läuft ihm hinterher. Er sagt aufmunternd: „Das ist nur Schule.“

Raum A228, „Wilke 2“ steht an der Tür. Abou Zeids neue Klasse. An der Wand hängen Tierposter und Girlanden. Die Lehrerin Nadia Gomoiu stimmt ein Lied an: „Guten Morgen, hallo, wie geht’s?“ Einige Kinder singen zaghaft mit. Dann malen sie alle auf einem vor ihnen liegenden Blatt einen Wal aus. Der hängt auch groß im Raum und ziert die Namensschilder der Kinder, stets in Blau. Abou Zeids Tischnachbarin aber greift nach einem roten Stift. Da hält er ihr den blauen Wal auf seinem Namensschild unter die Nase und sagt: „Guckst du.“ Um viertel vor elf kommen die Eltern. Stumm stehen sie in der Tür und betrachten ihre Kinder. Abou Zeids Vater lächelt.

„Willkommensklassen machen die Kinder gesellschaftsfähig“, sagt Oberschulrätin Gisela Unruhe. „Sie leisten immense Integrationsarbeit.“ Doch auch in dieser Klasse stammen mehrere Kinder aus sogenannten „sicheren Herkunftsstaaten“. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit ihren Familien bald wieder abgeschoben werden, ist hoch. „Das ist eine ganz schlimme Situation, auch weil die Kinder sich schnell integrieren“, sagt Unruhe. Eine plötzliche Abschiebung sei immer eine Katastrophe für die ganze Klasse und ihre Lehrer.

Manfred Schürmann ist Sozialarbeiter in der nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft und betreut die Willkommensklassen. Er sagt: „Eigentlich hätte noch ein Kind aus Syrien heute eingeschult werden sollen.“ Doch die Mutter hat bisher keine Wohnung gefunden. Ein Platz am Tisch bleibt noch leer.

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