Flüchtlinge in Berlin : Sechs Gründe für das Chaos am Lageso

Jede Menge Formulare, ständig neue Termine, unklare Ansagen: Das Durcheinander am Lageso ist erklärbar.

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Nacht für Nacht. Flüchtlinge kommen so früh zum Lageso, um endlich vorsprechen zu können – und nicht nur mit einem neuen Termin vertröstet zu werden. Foto: REUTERS
Nacht für Nacht. Flüchtlinge kommen so früh zum Lageso, um endlich vorsprechen zu können – und nicht nur mit einem neuen Termin...Foto: REUTERS

Jeden Tag und jede Nacht kämpfen Mitarbeiter von Ämtern und Sozialverbänden sowie Ehrenamtliche aufs Neue, jedem der derzeit rund 450 neu ankommenden Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. Bei 40 000 Menschen ist das bislang seit Jahresbeginn gelungen. Und doch: Nach wie vor gehen die Bilder von in Dunkelheit und Kälte Bibbernden an der Turmstraße in Moabit um den Globus. Sie erwecken den Anschein, Deutschland könne das, worin es eigentlich Weltmeister ist, nun nicht mehr: Bürokratie. Doch nicht nur die schiere Anzahl der Menschen überfordert die Behörden. Warum haben Berliner, Flüchtlinge und Ämter noch nicht perfekt zueinander gefunden?

FAKTOR EINS: BLATTSALAT

Selbst hier aufgewachsene Menschen kommen wohl kaum mit deutschen Formularen auf Anhieb klar. Die Flüchtlinge mit Papieren, deren lateinische Buchstaben sie nicht lesen und deren Hintergründe sie nicht verstehen können, finden auch die richtige Warteschlange nicht sogleich.

Das Chaos bei der Erstregistrierung der Neuankömmlinge ist ja dank der neuen weißen Vorregistrierzelte, der anschließenden Busfahrten zu den Notunterkünften und der Shuttles der mit weißen Bändchen ausgestatteten Newcomern zur Bundesallee beseitigt. Doch rund einen Monat danach kommen die mittlerweile Zehntausenden Erstregistrierten als so genannte Leistungsempfänger zurück zum Lageso Turmstraße. Sie müssen sich ja nicht nachts anstellen, und das solle zukünftig anders werde, appellierte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Doch wer erst am Vormittag kommt, hat schon Hunderte Menschen vor sich und kommt erst recht nicht mehr an die Reihe.

FAKTOR ZWEI: FRISTEN, FRISTEN 

Um als Zielland weniger attraktiv zu sein, hat die Bundesrepublik auch Fristen bei der Leistungsgewährung verkürzt. So müssen sich nun immer mehr bereits Registrierte in immer kürzer werdenden Abständen als Folge-Lageso-Kunden anstellen. Nachts sprechen die Ehrenamtlichen von „Moabit hilft!“ Flüchtlingen Mut zu, dass sie es heute sicher schaffen werden, ihre sie legalisierende „Büma“ (Bescheinigung zur Meldung als Asylbewerber) zu verlängern. Die Sachbearbeiterin hat beim letzten Anstehen den Termin durchgestrichen und einen neuen eingetragen? Heute klappt es, nicht aufgeben!

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper. Foto: Till RimmeleWeitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
23.07.2015 00:02Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet...

FAKTOR DREI: DAS LIEBE GELD
Wirtschaftsflüchtlingen will Deutschland möglichst keine Anreize bieten. Daher müssen alle Erstregistrierten jeden Monat zurück zum Lageso in der Turmstraße, ihre Geldkarte mit dem Monatsbetrag aufwerten lassen, dann erst können sie Bargeld aus dem Automaten ziehen. Bis Flüchtlinge nach der Erstregistrierung aber überhaupt an die Reihe kommen, um einen Antrag auf Asyl stellen zu können, liegt eine Wartezeit von derzeit rund fünf Monaten vor ihnen.

Jetzt prüft Sozialsenator Mario Czaja (CDU) gemeinsam mit Banken, wie man schnell Konten einrichten und Cashcardauszahlungen per Computer limitieren kann, damit sich weniger Menschen anstellen. Auch in der alten Landesbank stehen ja Tresore – allein hier werden bis zu 400 Personen täglich erstregistriert. Aber die Bundesallee-Tresore entsprechen nicht mehr den Vorschriften. Im Januar soll endlich der Neue geliefert werden – dann kann auch da Geld abgehoben werden.

FAKTOR VIER: FRAUEN & KINDER ZUERST
Aus humanitären Gründen ließ das Lageso Frauen und Kinder zuerst in die nächtlichen Wartezelte. Nur menschlich ist, dass Männer dann ihre Frauen und Kinder auch mitbrachten, um schneller dran zu sein. Dann gab es Kritik: Frauen und Kinder leiden! So wurde der Vorzug wegen der Folgen in der Praxis nun wieder abgestellt.

FAKTOR FÜNF: DIE KOMMUNIKATION
Besonders viele Geflüchtete stehen schon nachts an, weil sie einmal im Monat ihre „KÜs“, also ihre Kostenübernahmen, verlängern wollen. Nur das sichert ihnen, so denken sie, den Platz in der Not- oder Gemeinschaftsunterkunft. Nun haben zwar der Senat, das Lageso und die sozialen Betreiber schon abgemacht, dass die Betreiber die Verlängerung selbst per Fax mit dem Lageso regeln sollen, damit nicht jeder einzelne immer wieder neu vorsprechen muss.

Doch bei Betreibern heißt es oftmals: Wir kommen nicht beim Lageso durch. Oder: Wir haben noch nichts Offizielles vom Senat gehört. Oder: Wir sagen unseren Bewohnern ja, sie brauchen wegen der KÜs nicht extra zum „Sozial“, wie das Lageso unter Flüchtlingen heißt. Doch diese stellen sich sicherheitshalber doch lieber an. Weil es sie es aus ihren korrupten, kriegserschütterten Heimatländern nicht kennen, dass man Angaben tatsächlich vertrauen kann. Also kümmern sie sich lieber selbst um das so Wichtige.

FAKTOR SECHS: ICH KENNE ES ANDERS
Und noch etwas Allzumenschliches, das im Alltag immer wieder Vorurteile schürt. „Die haben ja keine Manieren und kein Benehmen, die Flüchtlinge!“ – schimpfen viele. Denn oft erlebt man am Lageso und in den Unterkünften, dass die Menschen nicht in den hierzulande üblichen Sitztoiletten ihr Geschäft verrichten, sondern sich ausgerechnet überall ringsherum erleichtern, nicht aber im Becken selbst.

Viele tun das aber offenbar gerade aus gutem Willen – in Syrien, Irak und Afghanistan sind größtenteils andere Toiletten üblich, viele der Neuankömmlinge halten die Schüsseln daher für Trinkwasser-Behälter, die sie nicht verunreinigen wollen.

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