Flüchtlinge in Berlin : So lebt es sich in der Massenunterkunft in der Messehalle

In der Notunterkunft in der Messehalle leben 1020 Flüchtlinge unter einem Dach. Das ist eine Herausforderung für Bewohner und Helfer.

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In der Messehalle wurde ein Speiseraum für die Flüchtlinge eingerichtet. Muhammed aus Bagdad kam über Ungarn nach Berlin.
In der Messehalle wurde ein Speiseraum für die Flüchtlinge eingerichtet. Muhammed aus Bagdad kam über Ungarn nach Berlin.Foto: F. Zander Repetto

Den jungen Mann erkennt man doch wieder. Die Jeans, der Blick: Das ist der junge Mann aus Kamerun, dessen zweiter Vorname so typisch deutsch Fritz lautet, mutterseelenallein ist er auf der Flucht in Europa. Am Premierentag der neuen Erstaufnahmestelle für Berlin, am Donnerstag, da stand er noch etwas deplatziert an den Wartezelten auf dem Lageso-Gelände, mit dem ergatterten grauen Erstregistrierungsband am Handgelenk.

Das ist der magische Einlass für einen Bus in die Schnellregistrierung im alten Landesbankgebäude in Wilmersdorf. Das Band soll eigentlich keiner der Flüchtlinge abmachen. Aber Fritz bekam ja schon wieder ein neues, ein grünes Handgelenkbändchen mit Nummer verpasst, das haben ihm die Malteser in der Großunterkunft Messehalle 26 umgehängt.

Nun trägt er das grüne Band am Arm, das graue ist samt einer Lageso-Wartenummer sicher im Portemonnaie verstaut. Fritz besitzt die Zeichen der gesammelten Registrierungsbürokratie Berlins 2015, und doch wird er sich wie tausende andere Leidensgenossen in näherer Zukunft nicht registrieren lassen können. Das ist eine der deprimierenden Erkenntnisse des Ortstermins am Sonntag.

Sie alle managen die Mega-Notunterkunft

Der junge Mann aus Kamerun ist einer von 1020 Menschen, die vor gut zwei Wochen in den größten Flüchtlingsschlafsaal Berlins zogen, in die Messehalle 26 in Charlottenburg. Da, wo sonst bei der Grünen Woche die Asienaussteller stehen, spielen jetzt Männer auf Decken Karten, rollt ein Mädchen auf einem Fahrrad herum, hängen Papieranschläge in allen nur denkbaren Sprachen an den Wänden der immerhin parzellierten Schlafsäle.

Pro Zimmer stehen sieben bis neun Doppelstockbetten. Matthias Nowak, eigentlich Sprecher der Malteser, ist seit zwei Wochen jetzt plötzlich auch Notunterkunftleiter, und es ist dem Wohlfahrtsverband den Umständen entsprechend gut gelungen, aus einer Riesenhalle eine Art vorübergehendes Zuhause zu machen.

Wenn man reinkommt, läuft man durch einen Vorraum, eine Art gedachten Dorfplatz. Da stehen Frauen und Kinder links an der Essensschlange an, die Männer rechts. Immer wieder werde gedrängelt, auch bei der Kleiderausgabe, immer die gleichen Pappenheimer, weiß Nowak. Dann werde die Ausgabe der Kleidung abgebrochen, man müsse eindeutige Zeichen setzen, damit die Menschen verstehen. 40 ehrenamtliche Malteser, 30 weitere Ehrenamtler, sie alle managen die Mega-Notunterkunft. Und im Berliner Flüchtlingsjahr 2015 würde nichts laufen ohne die Securitymitarbeiter mit Migrationshintergrund, die auch hier in der Halle übersetzen, regeln, helfen.

Ein Raum wurde für die Kinder als Spielzimmer eingerichtet.
Ein Raum wurde für die Kinder als Spielzimmer eingerichtet.Foto: F. Zander Repetto

Wie der gebürtige Ägypter Elga, längst deutscher Staatsbürger, er war mal Sportlehrer, aber achtet jetzt darauf, dass niemand Essen in die Zimmer und unter die Betten stellt, das würden viele gern tun. „Unter dem Boden liegt die Elektrik, und wir wollen auch keine Ratten hier“, sagt der Mann. Er hat dafür gesorgt, dass die Frauen ihren eigenen Tisch mit Bänken fürs Handyaufladen bekommen, weil sie am Männertisch keinen Platz bekamen oder vom Ehemann überbehütet wurden.

Kommunikation ist schwierig

So kommunizieren die Frauen nahe den Toilettencontainern per Viber und Whatsapp. Die Männer halten weiter links die Verbindung zur Heimat. Einer spielt Billard am Smartphone, irgendwie muss man sich die Zeit vertreiben. Im Spielzimmer improvisieren Kinder aus zwei Bänken eine Wippe. Englisch sprechen die wenigsten Menschen hier, Deutsch überraschend mal einer aus Guineas Hauptstadt Conakry. Kommunikation ist schwierig.

Wesam Mohamed, hier mit Tochter, war im Irak gut situiert.
Wesam Mohamed, hier mit Tochter, war im Irak gut situiert.Foto: F. Zander Repetto

Aber nicht mit Muhammed Ali aus Bagdad. Der strahlt und sagt: „Danke, Germany!“ – er sei so glücklich in Deutschland. Er ist Single und allein hier, aber hier würden sie ihn nicht schlagen wie in Ungarn. Da hat er seinen Fingerabdruck abgeben müssen und hofft, nicht wegen des Dublin-Abkommens zurückgeschickt zu werden. Sein Bekannter Wesam Mohamed mit zwei Töchtern kommt aus der irakischen Provinz Anbar, wo der IS wütet. „Zu Hause bin ich früher BMW gefahren“, sagt er, zeigt auf dem Handy Bilder der Familie vorm ausgebrannten Haus, von seiner Stadt in Schutt und Asche, von seiner Frau im Krankenhaus, sie ist in der Türkei. Er selbst ist Mediziner, viele sind das hier im Messewartehallenzuhause, aber mit den Maltesern zusammenarbeiten dürfen sie nicht, wegen der deutschen Bestimmungen.

Twitter bietet mehr Information als der Senat

Dabei wollen alle etwas tun, sich einbringen, sagt Matthias Nowak. Auf keinen Fall will er mehr Menschen aufnehmen. Sie brauchen doch Platz zum Leben, und laut ist es wegen des Halls schon auf dem Hallenplatz. Neulich war es sehr voll, als das Lageso einen Tag vor der Eröffnung in der Landesbank 300 Wartende per Bus vorübergehend in Halle 26 schickte, damit es vorm Lageso leerer ist, sagt Nowak.

Manchmal nehme man Menschen auf, wenn andere Notunterkünfte voll seien, sie schlafen dann auf dem Teppich im Kinderspielzimmer und im improvisierten Gebetsraum. Leider erfahre er aber im täglichen Reaktionszwangschaos über seine Twitter-App auf dem Smartphone teils mehr als vom Senat. In der Halle 26 werden vor allem die Flüchtlinge aus den Sonderzügen und Bussen aus München untergebracht. Dann sind die ja alle in der Kruppstraße komplett erstregistriert? Nein, sagt Nowak, von seinen 1020 Gästen sei so gut wie keiner registriert. Die Menschen seien zwar wochenlang schon nachts zum Lageso losgelaufen. Aber vielfach eben ohne Erfolg.

Keine Chance auf schnelle Registrierung

Der Kameruner Fritz hat trotz seiner Wartebändchen und -marken weiter keine Chance auf schnelle Registrierung. Denn in der Bundesallee werden nur Menschen mit grauem Band aus Busshuttles abgefertigt. Zur Großunterkunft Halle 26 verkehrt aber trotz Insistierens der Malteser noch kein Busshuttle. Mit der BVG würde man jetzt langfristig Busfahrten auch aus anderen Unterkünften organisieren, heißt es bei der Sozialverwaltung. Darauf müssen Flüchtlinge wie Fritz warten. In der alten Landesbank würde er abgewiesen, wenn er auf eigene Faust zum Registrieren dorthin ginge.

Die vielen Menschen mit grauem Lageso-Erstaufnahmeband vielerorts sollen auf keinen Fall versuchen, mit einem Shuttlebus vom Lageso aus mitzufahren, heißt es bei der Sozialverwaltung – man wolle dort keine neuen Warteschlangen.

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