Flüchtlinge in Berliner Berufsschulen : Jetzt ist Schicht in der Willkommensklasse

1800 Flüchtlinge warten in Berlin auf Plätze in Willkommensklassen. Jetzt soll in zwei Schichten unterrichtet werden, ältere Bewerber werden weggeschickt. Nun gibt es neue Pläne - und eine Mail an SPD-Fraktionschef Saleh.

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Wer die Berufsschule besucht, hat ungleich bessere Chancen auf einen Einstieg ins Arbeitsleben.
Wer die Berufsschule besucht, hat ungleich bessere Chancen auf einen Einstieg ins Arbeitsleben.Foto: dpa/Ingo Wagne

Sie sitzen in den Notunterkünften und möchten Deutsch lernen, brauchen aber zunächst einmal Geduld: Rund 1800 Anträge von jungen Flüchtlingen stapeln sich in der „Klärungsstelle für berufliche und zentral verwaltete Schulen“. Angesichts der Nachfrage plant die Bildungsverwaltung jetzt eine „Unterrichtung in zwei Schichten“, wie Sprecher Thorsten Metter gegenüber dem Tagesspiegel ankündigte.

Auch eine Heraufsetzung der Klassengrößen von zwölf auf 15 Schüler könnte laut Metter die Kapazitäten an den Berufsschulen erhöhen. Diese Möglichkeit wurde bislang nur im Zusammenhang mit der Beschulung in Großunterkünften erwähnt und findet sich daher im neuen Masterplan.

Die Älteren sollen sich an die Jobcenter wenden

Wie groß der Druck ist, wird schon daran deutlich, dass die Klärungsstelle Flüchtlinge über 21 Jahren aktuell nicht mehr vermittelt, obwohl sie bis Januar auch Antragsteller bis 25 Jahren mit einem Platz in den Willkommensklassen der Berufsschulen versorgen konnte. Die Älteren sollen sich jetzt an die Jobcenter wenden. Daran gibt es harsche Kritik.

Die Kritik kommt aus den eigenen Reihen

Die Veränderung der Altersgrenze sei „absolut unverständlich“, beschwerten sich unlängst der frühere SPD-Senatssprecher und jetzige Schulberater Eduard Heußen sowie der pensionierte Oberschulrat Roger Kutschki bei SPD-Fraktionschef Raed Saleh über die neue Prioritätensetzung der Bildungsverwaltung. Beide Männer sind in der Flüchtlingsarbeit bei der Notunterkunft im Wilmersdorfer Rathaus aktiv, und Kutschki wurde trotz Ruhestand gebeten, die Jugendlichen in der Klärungsstelle zu beraten. Daher wisse er genau, sagt er, dass die Altersgrenze zunächst bei 25 Jahren lag, zum Februar aber nach unten korrigiert wurde. Dies bestreitet Thorsten Metter, der Sprecher der Bildungsverwaltung.

„Es gab hier keine Absenkung“, sagte Metter auf Anfrage. Vielmehr habe schon 2015 die frühe Altersgrenze gegolten.

Der Verwaltungssprecher bestreitet schärfere Vorschriften

Dieser Widerspruch zwischen den beiden Darstellungen ließ sich bislang nicht aufklären. Tatsache ist aber, dass die über 21-Jährigen zurzeit nicht in die Berufsschulen vermittelt werden, wo sie nach Ansicht von Heußen und Kutschki viel besser aufgehoben wären. „Die Berufsvorbereitung in einem Oberstufenzentrum ist das Beste was einem geflüchteten Jugendlichen passieren kann. Es gibt in der Bundesrepublik kein wirkungsvolleres Integrationsinstrument für diese durchaus kritische Altersstufe,“ begründet Heußen die Intervention bei Saleh; im Übrigen sei genug Platz an den Berufsschulen.

„Es gibt wohl noch Luft im System“, vermutet auch der Vorsitzender der Berufsschulleiter-Vereinigung, Ronald Rahmig. Einen Zweischichtbetrieb hält er ebenfalls für denkbar, allerdings hätten die Flüchtlinge in der Nachmittagsschicht weniger Kontakt zu anderen Schülern, nennt Rahmig einen Nachteil dieses Plans. Unabhängig davon geht er davon aus, dass an den „meisten Schulen“ noch Platz für Willkommensklassen ist.

"Keiner nimmt die Aufgabe richtig ernst"

„Wir finden niemanden in der Verwaltung, der diese Aufgabe richtig ernst nimmt, der alle Hebel in Bewegung setzt, hinhaltende Schulleiter anzutreiben“, beklagen allerdings Heußen und Kutschki in ihrer Mail an Saleh in Richtung Bildungsverwaltung und werden dann grundsätzlich, wenn sie schreiben, es gehöre „zum allgemeinen Eindruck der Überforderung von Politik und Verwaltung, dass es gerade an der aus Sicht unserer täglichen Arbeit gefährlichsten Stelle keine politische Energie zu spüren gibt“.

Beide fordern auch „mehr öffentlichen Druck auf den Bund“, damit mehr Geld für zusätzliche Bildungsaufgaben fließt. Ob der SPD-Fraktionschef aufgrund der Mail bei seiner Parteigenossin, Bildungssenatorin Sandra Scheeres, interveniert hat, ist nicht bekannt.

Weitere 100 Willkommensklassen sollen entstehen

Metter verwies angesichts der Kritik auf die Anstrengungen der Bildungsverwaltung beim Thema Flüchtlinge. So würden aktuell schon 10 000 Flüchtlingskinder in Willkommensklassen und weitere 10 000 in Regelklassen lernen. Das sei eine „enorme Leistung“. An den beruflichen Schulen gebe es zudem bereits rund 100 Willkommensklassen und für weitere 100 würden die Vorbereitungen getroffen, was auch bedeute, dass deutschlandweit und „gegebenenfalls darüber hinaus“ um Berufsschullehrkräfte geworden werde. „Anders als in anderen Bundesländern, wo offenbar geplant ist, das Angebot an den Berufsschulen zu reduzieren, bauen wir deutlich aus“, betonte der Sprecher.

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