• Flüchtlinge, Integration und das Tempelhofer Feld: Die Toleranz reicht nur bis zu den eigenen Interessen

Flüchtlinge, Integration und das Tempelhofer Feld : Die Toleranz reicht nur bis zu den eigenen Interessen

Wo sind die Grenzen der Willkommenskultur? Was den einen die Sporthalle, ist den anderen das Tempelhofer Feld. Ein Kommentar.

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Mehrere Doppelstockbetten stehen in den Familienquartieren in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin.
Mehrere Doppelstockbetten stehen in den Familienquartieren in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Hört beim Tempelhofer Feld die Willkommenskultur auf? Bei Sporthallen? Beim Containerdorf nebenan? Sobald die Folgen von Flucht und Einwanderung zu spüren sind, verwandelt sich abstrakte Menschenliebe in konkrete Vorhaltungen. Toleranz ist gut, solange sie nicht mit eigenen Interessen kollidiert. „Not in my backyard“, nicht in meinem Hinterhof, heißt dieser allzu menschliche Reflex, abgekürzt „Nimby“. Ganz frei ist wohl keiner davon.

Ein beliebtes Nimby-Argument lautet, die geplante Maßnahme liege nicht im Interesse der Migranten. Die würden ghettoisiert, segregiert, in Parallelgesellschaften gedrängt. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen, mehr als 80 000 nach Berlin.

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Senatsvertreter auf der Bürgervesammlung zum "Flüchtlingszentrum" in Tempelhof.

Sie müssen zuallererst untergebracht werden, ein Dach über dem Kopf haben. Aufgrund der hohen Zahlen geht das nicht nach dem Gießkannenprinzip. So viel Leerstand gibt es in keiner deutschen Stadt. 7000 Flüchtlinge will der Berliner Senat in den Hangars und in zeitlich befristeten Bauten neben dem Tempelhofer Feld unterbringen. Als Notlösung. Der Protest dagegen ist stark. Sind 7000 zu viele an einem Ort?

Solche Fragen stellen sich auch bei anderen Berliner Bauprojekten für Flüchtlinge. Befürchtet werden Brennpunkte wie in den Pariser „banlieues“, mit Abschottung, kriminellen Strukturen, Infiltration durch Islamisten. Vergessen wird die andere Seite der Segregation, ihr Nutzen für die Integration. Das hört sich zunächst absurd an, aber in klassischen Einwanderungsländern ist der stabilisierende Wert ethnischer Kolonien – Little Italy, Chinatown, Dutchtown, Germantown – erkannt worden. Sie bieten oft Halt und Orientierung und verlangsamen den Kulturschock der Migration.

Die fromme muslimische Familie neben dem Straßenstrich

Zuwanderer brauchen soziale Netzwerke. Sie kennen sich in der neuen Gesellschaft nicht aus, bedürfen der Hilfe in alltäglichen Dingen. Bürokratie, Schulsystem, Gesundheitswesen, Arbeitsmöglichkeiten. Solche Basisinformationen können Landsleute eher vermitteln als noch so gut geschulte einheimische Experten.

Im Idealfall sind die getrennten kleinen Welten im Meer der Fremde Räume des Übergangs und der Gewöhnung an die neue Heimat. Das Gegenteil von Segregation heißt Desegregation, was harte kulturelle Reibungen zur Folge haben kann. Die fromme muslimische Familie neben dem Straßenstrich: Ob das die Integration fördert, kann man bezweifeln.

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Flüchtlinge in Tempelhof: Bürger gegen Massenunterkunft

Gefährlich ist Segregation nicht an sich, sondern wenn sie von Ausgrenzung und sozialer Benachteiligung begleitet wird. Diese Mischung kann explosiv sein. Außerdem bilden die Flüchtlinge in Deutschland keine homogene Gruppe. Wer muslimische Syrer und Afghanen mit Christen aus Eritrea in eine Behausung zwingt, darf sich über Konflikte nicht wundern. Ob bei Notunterkünften oder einer dauerhaften Unterbringung: Möglichst frühzeitig muss die Gemeinschaftsbildung gefördert werden. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Noch übertönt der Streit um Grenzen und Obergrenzen, offene Arme und Kapazitätsauslastungen die Auseinandersetzung über die richtige Form der Integration. Doch Nimby wird lauter, auch in Berlin, quer durch die politischen Lager. Was den einen die Sporthalle, ist den anderen das Tempelhofer Feld. Die Frage, was das Beste für die Flüchtlinge ist, rückt dabei in den Hintergrund. Es wäre schlimm, wenn’s dabei bliebe.

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