• Flüchtlingskinder in der Schule: "Willkommensklassen" – zwischen Integration und Abschiebung

Flüchtlingskinder in der Schule : "Willkommensklassen" – zwischen Integration und Abschiebung

Sie kommen aus Serbien, Weißrussland, dem Irak. Für regulären Unterricht reicht ihr Deutsch noch nicht, deshalb lernen sie in „Willkommensklassen“: eine Herausforderung für Lehrer, Nachbarn und die Kinder selbst. Unsere Autorin saß über Monate mit auf der Schulbank.

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Beim Sportfest der Müggelschlösschen-Grundschule in Köpenick präsentieren Milan (links) und seine Kumpels aus der Willkommensklasse ihre Urkunden.
Beim Sportfest der Müggelschlösschen-Grundschule in Köpenick präsentieren Milan (links) und seine Kumpels aus der...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sieben Kinder strecken ihren Zeigefinger in die Luft und quietschen: „Ich, ich, ich!“ Sie sind blond, dunkelhaarig, klein, groß, manche sehen aus wie zehn, andere wie 15. „Wie viele Fehler habt ihr gemacht?“, hat die Lehrerin gefragt. Die Kinder sollten Wörter Bildern zuordnen, Anspitzer, Füllfeder, Federmappe. Milan, ein zwölfjähriger Serbe, der jünger wirkt, weil er klein und drahtig ist, hat sich als Erster gemeldet. Kaum ist seine Hand in der Luft, ziehen die anderen nach.

Milan (die Namen aller Kinder wurden geändert) ist so etwas wie der Anführer der Klasse. Er hat große braune Augen und ist besonders aufgeweckt. Meistens arbeitet er mit im Unterricht, aber manchmal fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Dann kann es passieren, dass die Stimmung in der Klasse kippt.

Um sich die Aufmerksamkeit der Lehrerin zu sichern, legt er jetzt seinen Oberkörper auf die Tischplatte, kippelt dabei mit seinem Stuhl gefährlich weit nach vorne, streckt den Zeigefinger nach vorn in Richtung Tafel und quengelt: „Ich Erster!“ Es funktioniert. Die Lehrerin lächelt die Klasse an. Dann sagt sie: „Milan“.

Es ist Mitte Februar. Seit vier Wochen gibt es an der Müggelschlösschen-Grundschule in Köpenick drei Willkommensklassen, Klassen also, in die nur Kinder gehen, die noch kein oder wenig Deutsch können. Die Schule liegt am Rande der Plattenbauten des Köpenicker Allende-Viertels, genau gegenüber vom ersten Containerdorf Berlins. Bis auf ein Mädchen leben alle Schüler der Willkommensklassen in diesem Flüchtlingsheim. Jedes dritte Kind stammt vom Balkan und spricht Serbisch, viele kommen aus Roma-Familien.

Am Ende des Schuljahrs sollen sie in die sechste Klasse wechseln

In Milans Klasse, der Willkommensklasse III, sind die Schüler zwischen elf und dreizehn Jahre alt. Am Ende des Schuljahrs sollen sie in die sechste Klasse wechseln oder auf eine weiterführende Schule. Ihre Lehrerin ist Maja Brunka, eine 34 Jahre alte Polin, eine sanfte und gleichzeitig energische Frau mit fast weißer Haut, roten Haaren und einem runden, hübschen Gesicht. Sie hat in Berlin Deutsch als Fremdsprache studiert und bislang Erwachsenen Deutsch beigebracht.

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Milan lächelt triumphierend, als Maja Brunka ihn aufruft. Er zeigt mit dem rechten Daumen schräg nach hinten links. Dort sitzt Arif, ein großer, etwas schüchterner Junge aus dem Irak. Er ist 13, sieht aber älter aus. Er ist erst seit einer Woche in der Klasse, seit einem Monat in Deutschland. Im Irak war er auf einer Privatschule. Er hat Schlagzeug gelernt, spricht gut Englisch und ist sehr höflich. Morgens vor dem Unterricht gibt er der Lehrerin die Hand.

Milan verschränkt die Arme vor der Brust und sagt, ohne sich zu Arif umzudrehen: „Der hat viele Fehler gemacht.“ Irritiert blickt Arif zu Milan. Er versteht noch kein Deutsch, doch er ahnt, dass sein Mitschüler nichts Nettes über ihn gesagt hat. Während seiner ersten Woche haben Milan und seine Freunde – also fast alle anderen Kinder in der Klasse – Arif mehr oder weniger ignoriert, manchmal über ihn gelacht, ohne dass er verstanden hätte, warum. Arif schaut hilfesuchend zur Lehrerin. Die wirkt ein wenig hilflos. Ihr Blick springt von Milan zu Arif und wieder zurück.

Sie will die Klasse in ein Team verwandeln

Schließlich sagt sie: „Ihr vertragt euch jetzt!“, wobei sie das „a“ in „vertragt“ extra lang dehnt. Milan dreht sich sofort um, packt die Hand des verwirrt dreinblickenden Arifs, schüttelt sie übertrieben lang und schielt dabei zur Lehrerin.

Als Maja Brunka im Januar die Stelle als Lehrerin der Willkommensklasse antrat, steckte sie sich Ziele. Sie wollte den Kindern Deutsch beibringen, natürlich. Und sie wollte die Klasse in ein Team verwandeln. Sie sagte sich, das sei wichtig, weil die Kinder in der Schule erst einmal isoliert sein würden. Sie dachte daran, wie sie sich selbst anfangs in Deutschland fühlte, als sie die Sprache selbst noch nicht so perfekt sprach wie jetzt: einsam und verletzlich. Sie fand, die ausländischen Kinder sollten sich gegenseitig unterstützen, zusammenhalten. Sie dachte, dass es schwierig werden würde, den Kindern Deutsch beizubringen. Sie ahnte nicht, dass es anfangs noch schwieriger sein würde, sie zu einem Team zusammenzuführen.

Die Müggelschlösschen-Grundschule.
Die Müggelschlösschen-Grundschule.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Willkommensklassen, offiziell „Lerngruppen für Neuzugänge ohne Deutschkenntnisse“ genannt, gibt es in Berlin seit dem Schuljahr 2011/2012. Erstmals richtete Berlin 1971 solche Klassen ein, damals hießen sie „Ausländerklassen“. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sollten die Schüler, die damals vor allem aus der Türkei kamen, fit gemacht werden für den regulären Unterricht. Viele schafften jedoch nie den Sprung ins deutsche Schulsystem. Die „Zeit“ fragte 1980, ob Ausländerklassen die Apartheid ins Klassenzimmer tragen. Andere Medien machten sie mitverantwortlich für die gescheiterten Bildungskarrieren vieler Migranten. In Berlin wurden sie 2007 schließlich aufgegeben, nachdem sie jahrzehntelang reformiert worden waren. Zugezogene Kinder sollten von nun an besser integriert werden, verkündete der Senat – indem sie in die Regelklasse gehen und nachmittags zusätzlich Deutschunterricht erhalten.

Die Wiedereinführung der Willkommensklassen begründete der Senat mit der „hohen Zahl der Zuzüge aus dem Ausland“. Wegen der vielen Schüler ohne Deutschkenntnisse sei regulärer Unterricht mancherorts kaum noch möglich. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der Willkommensklassen mehr als vervierfacht. Zurzeit besuchen etwa 4500 Kinder 400 Klassen.

Das Whiteboard löste Neid bei den regulären Klassen aus

An diesem düsteren Vormittag Mitte Februar beugt sich Maja Brunka über ihr Pult. Sie versucht, den schwelenden Konflikt zwischen Milan und Arif zu ignorieren. Ohne die Klasse anzusehen, sagt sie streng: „Wir wiederholen die Wochentage“, und schaltet das Whiteboard ein. Die digitale Tafel hat die Direktorin extra für die Willkommensklassen angeschafft. Sie soll den Lehrerinnen helfen, den Unterricht spannender zu gestalten. Für Willkommensklassen gibt es weder Lehrbuch noch Lehrplan. Die Senatsverwaltung für Bildung gibt den Lehrern nur einen 18-seitigen Leitfaden und eine 30-seitige Broschüre mit, in denen erklärt wird, wie die Deutschkenntnisse der zugewanderten Kinder festzustellen und zu dokumentieren sind. Anfang des Jahres, als die Digitaltafeln geliefert wurden, beschwerten sich ein paar Schüler und Lehrer der Regelklassen bei der Schulleiterin. Sie wollten auch ein Whiteboard. Ein paar fragten, wieso die Flüchtlingskinder bevorzugt würden.

Auf dem Whiteboard in Maja Brunkas Willkommensklasse erscheint jetzt eine wirre Kombination von Zeichen und Zahlen auf blauem Hintergrund. Blue Screen, Fehlermeldung, der an die Tafel angeschlossene Computer ist abgestürzt. „Mist“, sagt Maja Brunka. Sie schaltet den Laptop aus und wieder an, erfolglos. Durch die Klasse fliegen Papierkügelchen, eine saust an ihrem Kopf vorbei. Sie schaut vom Laptop auf. „Ich hole kurz den Hausmeister, der soll das richten.“ In der Tür dreht sie sich um: „Ich bin gleich wieder da. Benehmt euch!“

Arif starrt geradeaus, er will keine Probleme

Kaum ist sie draußen, drehen sich Milan und sein Banknachbar zu Arif um, dem stillen Iraker. Milan sagt etwas auf Serbisch, alle lachen. Nur Arif und ein Mädchen aus Weißrussland bleiben stumm. Sie sind in der Klasse die Einzigen, die kein Serbisch verstehen. Arif rutscht auf seinem Stuhl herum und starrt ins Nichts. Milan und sein Freund unterhalten sich weiter auf Serbisch, schauen immer wieder Arif an und lachen.

Nach einer Weile hält es der Iraker nicht mehr aus. „Shut up“, zischt er. „You motherfucker.“ Sofort springt Milan auf, boxt den kräftigen Arif in die Seite. Arif starrt geradeaus, er will keine Probleme. „Ich mach dich tot“, ruft Milan, bäumt sich hinter Arif auf, nimmt ihn in den Schwitzkasten. In diesem Moment tritt Maja Brunka ins Klassenzimmer. Sofort lässt Milan von Arif ab, setzt sich auf seinen Stuhl und schaut zum Whiteboard. „Was ist los?“, fragt die Lehrerin. Milan beginnt zu weinen. „Der hat mich beschimpft“, ruft er und zeigt auf Arif. Der lächelt schief.

Maja Brunka atmet aus. Sie bittet zuerst Milan, mit ihr vor die Tür zu gehen. Dann Arif. Als der hinausgeht, stehen sich Arif und Milan einen kurzen Moment lang gegenüber. Laut sagt Milan etwas auf Serbisch, macht mit der ausgestreckten flachen Hand eine eindeutige, schnelle Bewegung vor seinem Hals. Wieder lachen die anderen Kinder laut, ein paar halten sich dabei die Hände vor den Mund, als ahnten sie, dass Milan es zu weit getrieben hat.

„Was hast du gesagt?“, fragt schrill Maja Brunka, die in der Tür steht und auf Arif wartet. Milan grinst sie an. „Was hast du gesagt?“ Der Junge grinst, windet sich. Und schließlich murmelt er: „Wenn du rausgehst, mach ich dich tot.“ Maja Brunka starrt ihn fassungslos an. „Spinnst du?“ In diesem Moment betritt der Hausmeister den Raum. „So, wo ist denn hier das Problem?“

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