Flüchtlingsunterkunft in Spandau-Hakenfelde : Friedensschwüre nach der Schlägerei

Nach der Schlägerei im Flüchtlingsheim in Spandau-Hakenfelde versuchen Bewohner und Mitarbeiter, die Situation wieder zu beruhigen. Alle räumten gemeinsam auf, sogar ein Friedensfest wurde gefeiert.

Christoph Stollowsky
Friedensfoto nach der Schlägerei. Flüchtlinge in der Hakenfelder Notunterkunft demonstrierten am Sonntag auf diesem Gruppenbild ihren Zusammenhalt.
Friedensfoto nach der Schlägerei. Flüchtlinge in der Hakenfelder Notunterkunft demonstrierten am Sonntag auf diesem Gruppenbild...Foto: Stadtmission

Friedensbemühungen nach der großen Schlägerei: Am Sonntag und Montag halfen zahlreiche Flüchtlinge in der Notunterkunft in Spandau-Hakenfelde mit, die sichtbaren Folgen der Randale zu beseitigen. „Bewohner packten engagiert mit an, putzten, schleppten zerstörtes Mobiliar raus, reparierten Kleinigkeiten“, sagt die Sprecherin der Stadtmission, Ortrud Wohlwend. Außerdem habe eine größere Gruppe von Flüchtlingen die Heimleitung gebeten, ein „Friedensbild“ zu fotografieren - ein Gruppenfoto mit möglichst allen Bewohnern. „Wir wollen hier gut zusammen leben, egal, woher die einzelnen Menschen kommen. Wir lassen uns nicht unterkriegen“, begründeten sie ihren Wunsch. Sogar ein Friedensfest wurde am Sonntagnachmittag gefeiert.

"Sprachmittler" befragten Zeugen des Streits

Wie berichtet, wird das Heim in den einstigen Produktionshallen der 1998 geschlossenen Brtish-American-Tobacco- Zigarettenfabrik (BAT) an der Hakenfelder Mertensstraße von der Stadtmission betrieben. Rund 1000 Menschen leben dort, überwiegend aus Syrien, anderen arabischen Staaten sowie aus Afghanistan, darunter viele Familien mit Kindern. Am Samstagabend war es dort mehr als 50 Menschen handfest aneinandergeraten, Mobiliar ging zu Bruch, Fenster klirrten, Streitende gingen mit Feuerlöschern aufeinander los. Erst 80 Polizisten gelang es, die Lage zu beruhigen.
Wie konnte es soweit kommen? Die Stadtmission setzte ab sonntagfrüh speziell geschulte sogenannte „Sprachmittler“ ein, diese befragten zahlreiche Zeugen jeweils in ihrer Landessprache. Danach ging die Auseinandersetzung offenbar von einer kleinen Gruppe aus, wahrscheinlich seien einige Araber und Afghanen aus noch unklaren Gründen aneinander geraten, heißt es. Dann eskalierte die Situation. „Wer neu hinzueilte, wollte jeweils die eigenen Landsleute schützen“, sagt Ortrud Wohlwend. Die Mehrheit der Bewohner flüchtete unterdessen ins Freie.

Die Nerven liegen im Alltag blank

Nun versuche man, „den Leuten in persönlichen Gesprächen wieder Sicherheit zu geben, Ängste zu nehmen, kurz, sie zu beruhigen“, teilt die Stadtmission mit. Zusätzlich sprachen ältere Flüchtlinge im Heim jüngere Bewohner an und versuchten, sie zu mäßigen. Das allein wird aber vermutlich nicht ausreichen. Denn trotz aller Bemühungen von professionellen Kräfte und vielen ehrenamtlichen Helfern liegen die Nerven in Hakenfelde wie auch in anderen Flüchtlingsheimen blank. Die vielfältigen alltäglicher Belastungen sind offenbar einfach zu groß.
„Mit der bedrückenden Enge fängt es an“, erzählen Besucher der Spandauer Notunterkunft. Zusätzlich potenzierten sich weitere Unzulänglichkeiten: Es gibt beispielsweise - wie auch in Tempelhof - keine Waschmaschinen, Kleider werden in Waschbecken per Hand gereinigt. „Sie glauben gar nicht, wie das stinkt“, schildert ein Kritiker die Zustände. Und weiter: „Kinder jeden Alters liegen den ganzen Tag lethargisch in ihren Betten oder langweilen sich stundenlang vor der Essensausgabe, weil sie völlig unbeschäftigt sind.“ Da ihre asylsuchenden Familien noch keinen Aufenthaltsrecht oder wenigstens eine Duldung haben, können sie noch nicht zur Schule gehen. Im Heim wird zwar ein provisorischer Unterricht organisiert, aber das ist unzureichend.

Stadtmission: "Verbesserungen sind geplant, aber das Lageso hält uns hin"

Aus Sicht von Kritikern machen die Schlägereien in den Heimen klar, „wie überfordert selbst die Stadtmission und andere erfahrene Sozialorganisationen als Betreiber sind. Sie könnten gerade mal das Allerwichtigste erledigen, aber für weiterführende Konzepte bleibe keine Zeit. Es gebe kaum Ansätze, wie man zum Beispiel der Langeweile begegnet, Zusammenhalt schafft oder alltägliche Belastungen durch rationellere Abläufe verringert.

Die Sprecherin der Stadtmission, Ortrud Wohlwend, machte dafür am Montag auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) verantwortlich. Am 16. Oktober habe man das Heim in Hakenfelde eröffnet und seither geplant, die großen einstige Fabrikhalle schnellsten mit hölzernen Zwischenwänden in Räume für jeweils sechs Personen abzuteilen. Das Lageso muss dies genehmigen, verzögert aber offenbar die Sache. "Wir warten noch immer darauf", sagt Wohlwend. Deshalb gibt es in Hakenfelde bisher nur Planen als Raumteiler.

In den zwei Traglufthallen in Moabit, die gleichfalls von der Stadtmission als Notunterkünfte betrieben werden, sei die Situation im Vergleich zu Spandau "wesentlich entspannter", versichert Ortrud Wohlwend. Dort könne man mehr Personal einsetzen. "Außerdem gibt es dort fest abgetrennte Sechs-Personen-Räume, die Menschen wohnen privater, die Aggressionen sind viel geringer."

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