Berlin : Flug ins Ungewisse

Nach den Anschlägen überlegt so mancher, seine Urlaubspläne zu ändern

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Es ist ein schauerlicher Sommer bislang, mit getrübter Stimmung in Freibädern und Strandbars. Und wer gen Süden entfliehen wollte, wird dieser Tage wegen der Terroranschläge in seiner Reiselust gebremst. Erst London, dann Türkei, jetzt Ägypten. Doch die meisten Berliner fliegen trotzdem, wenn auch mit mulmigem Gefühl – wie eine kleine Umfrage ergab.

Kai Robbke gehört zu den Berlinern, die ihre Urlaubspläne jetzt umwerfen. „Eigentlich wollte ich mit meiner Familie nach Hurghada fliegen. Aber meine Schwester möchte jetzt wegen dieses Unsicherheitsgefühls nach den Anschlägen nicht mehr nach Ägypten.“ Der 38jährige Wilmersdorfer wird jetzt wohl beim Veranstalter TUI nach Rhodos umbuchen. Bei einem Ägypten-Spezialanbieter in Charlottenburg hieß es auf Anfrage, es habe nur eine Stornierung gegeben. Die anderen Urlauber seien losgeflogen, aber nicht nach Scharm al Scheich.

Axel Albert, 50-jähriger Lehrer aus Kreuzberg, verbringt gerade einen Windsurfurlaub im Hotel Ganet Sinai in Dahab, eine gute Autostunden vom Ort des Anschlags Scharm al Scheich entfernt. „Wir Urlauber hier haben jetzt mit den Hotelangestellten Sorge, dass die Touristen ausbleiben. Die Leute fürchten um ihren Job“, sagt Albert am Telefon.

Auch die erneuten Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn vom Donnerstag verunsichern Berliner. Die Mitarbeiter von „Visit Britain“, dem britischen Fremdenverkehrsamt mit Sitz in Mitte, erhalten zwar weniger Anrufe besorgter Berliner als nach den ersten Anschlägen vom 7. Juli. Doch die Leute „sind ängstlicher als vor zwei Wochen“, sagt Sprecherin Birgit Ihlau. Ratlose Reisewillige melden sich auch beim Sprachenzentrum GLS, das Sprachkurs-Interessenten aller Altersstufen an englische Privatschulen vermittelt. Sprecherin Dorothee Robrecht kann die meisten Anrufer beruhigen: Die britischen Partnerschulen bieten zwar wieder Tagesreisen nach London an, aber mit eigenen Bussen, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu meiden. Stornierungen habe es bisher keine gegeben. Andere Anbieter von Sprachreisen wie „ EF“ in der Markgrafenstraße berichten Ähnliches.

Die Freie Universität Berlin sieht momentan keine Notwendigkeit, die Auslandssemester ihrer Studenten an Londoner Unis einzuschränken. Freiwillige Rücktritte von Studenten habe es noch keine gegeben, sagt Eva Lack von der Abteilung Außenangelegenheiten der Uni. Auch die Fluggesellschaften haben seit den Anschlägen keinen Anstieg an Stornierungen registriert. Bei der Air Berlin, die jeden Tag drei Maschinen von Tegel nach London schickt, habe sich seit Donnerstag „nur ein einziger Mensch“ gemeldet, sagt Sprecherin Angelika Schwaff.

Im Lufthansa City Center war nach Auskunft eines Mitarbeiters bislang ein Urlauber betroffen. „Der wollte nach Mexiko und konnte nicht – wegen des Hurrikans.“

Bei Hellas Reisen an der Bundesallee hat Mitarbeiter Kostas Mavroudis für Zweifler ein Argument parat: „Ich sage immer: Das kann doch überall passieren. Wir mussten erst am Wochenende das Reisebüro räumen – verdächtiger Koffer am Walther-Schreiber-Platz.“ kög/sle

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