Flugausfälle : Berlin bleibt bodenständig

Das Adlon organisiert Helikopter-Flüge, Organe kommen über die Autobahn. Wie Berlin mit der Aschewolke zurechtkommt.

Züge sind überfüllt, Mietwagen rar, Touristen gestrandet. Die Aschewolke trifft längst nicht nur Flugpassagiere, sondern viel mehr Menschen in der Stadt – die Auswirkungen auch auf Berlin an diesem Wochenende sind enorm. Starten denn wenigstens Rettungsflüge? Fährt die BVG überhaupt zum leeren Flughafen? Woher bekommen eigentlich Delikatessenhändler ihre Ware? Und haben Blumenhändler noch Rosen aus Südamerika im Geschäft? Gar nicht so leicht, den Überblick unter der Wolke zu behalten. Ein Versuch.

Nichts fliegt mehr – nirgendwo. Wegen der Aschewolke aus Island bleiben die Berliner Flughäfen bis mindestens 8 Uhr am Sonntagmorgen geschlossen. In Tegel seien am Sonnabend 490 Flüge annulliert worden, in Schönefeld 133, teilte ein Flughafensprecher mit. Am Freitag waren bereits 700 Flüge ausgefallen. Und auch nach der Wiederaufnahme des Flugbetriebs werde es noch einige Tage dauern, bis sich der Flugplan normalisiere.

Flugananas und Meeresfrüchte. Rund 34 000 Artikel bietet die Feinschmeckeretage des KaDeWe an. Trotz Flugverbotes aber gebe es „in keinem Bereich“ Verzögerungen bei den Lieferungen von Lebensmitteln, heißt es im Kaufhaus. Viele Waren im KaDeWe werden mit Fahrzeugen der weltweit tätigen Gourmet-Liefer- und Transportfirma Rungis angeliefert. Auch Zwischenlager seien so gut sortiert, dass es keine Probleme mit dem Nachschub gebe. Also: Keine Panik. Und auch das Delikatessen-Fachgeschäft Rogacki klagt nicht über Lieferschwierigkeiten. Allerdings habe es einige Absagen von Unternehmen gegeben, die den Partyservice in Anspruch nehmen wollten. „Einige Veranstaltungen wurden abgesagt, weil die Gäste nicht nach Berlin kommen konnten“, sagt ein Rogacki-Mitarbeiter.

Ruhe beim Rosenhändler? Auf dem Berliner Blumengroßmarkt in Kreuzberg liefen die Geschäfte am Sonnabend reibungslos. Die meisten Händler erhalten ihre Pflanzen aus Holland und Italien, die mit dem Lastwagen transportiert werden. Und wenn Rosen aus Südamerika nicht angeliefert würden, gebe es noch genug andere Sorten aus einheimischen Gewächshäusern, erzählt ein Händler. Der Vulkanausbruch gilt also nicht als Ausrede für vergessene Blumen.

Vorsicht am Bahnsteig. Im Fernverkehr der Bahn waren die Züge nach Angaben eines Sprechers „extrem voll“, Fahrgäste mussten auch lange Strecken im Stehen zurücklegen, selbst wenn es in der 1. Klasse freie Sitzplätze gab. Die Premiumklasse werde nur in Einzelfällen nach einer Rücksprache des Zugchefs mit der Betriebszentrale für alle Fahrgäste freigegeben, sagte der Sprecher. Im Einsatz sei derzeit alles, was fahren könne. Für heute erwartet man eine besonders starke Nachfrage auf den Strecken Richtung Süden und Westen. Vor allem im Hauptbahnhof gab es lange Wartezeiten vor den beiden Reisezentren. Durch zusätzliches Personal seien alle Schalter besetzt gewesen, sagte der Sprecher. Voll war’s trotzdem.

Ab in den Bus. Im Linienverkehr der Busse sind die meisten Fahrten in den nächsten Tagen nach London und Paris bereits ausgebucht. Auf den anderen Verbindungen vom Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Funkturm sei die Nachfrage weniger stark gestiegen, hieß es am ZOB.

Notarzt in der Luft. Für Organtransporte in Europa gilt seit Freitag ein Flugverbot. Das hat Eurotransplant, die niederländische Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien, verhängt. „Aus Sicherheitsgründen haben wir Flüge auch in Deutschland untersagt“, sagt Katharina Große, Koordinatorin in Berlin und Brandenburg für die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die in Deutschland für den Organtransport verantwortlich ist. Ein wirkliches Problem gebe es nicht, sagt Große. Organe werden zurzeit regional vermittelt, sodass sie schnell mit Bahn oder Auto transportiert werden können. Allerdings hatte die Charité am Donnerstagabend eine Spenderleber angeboten bekommen, die in einem Transplantationszentrum in Nordrhein-Westfalen für zwei Organempfänger präpariert wurde. Thomas Mehlitz, Transplantationskoordinator der Charité, hatte bereits einen Piloten organisiert, der bereit war, per Sichtflug das Organ nach Berlin zu holen. Das aber hat die DSO nicht erlaubt. Deshalb musste das Organ von einem Rettungswagen mit Blaulicht nach Berlin transportiert werden. Trotz der Zeitverzögerung sei die Transplantation problemlos verlaufen. Das Deutsche Herzzentrum hatte bisher keine Probleme: „Wir hatten bisher kein Organangebot“, sagt Sprecherin Barbara Nickolaus. Ein Herz oder eine Lunge müsse innerhalb von maximal fünf Stunden transportiert werden. Viele Organe müssten aus dem Ausland „eingeflogen“ werden. Sollte es während des Flugverbots ein Organangebot geben, müsste das Herzzentrum ablehnen: Das Organ wird dann weitervermittelt.

Droht jetzt Lärm in der Nacht? Ob es nach der Wiederaufnahme des Flugbetriebs in Tegel in den ersten Nächten danach auch Nachtflüge geben wird, steht noch nicht fest. Man werde einen Antrag schnell und sorgfältig prüfen, teilte die Stadtentwicklungsverwaltung mit. Die Verbände der Fluggesellschaften und der Flughäfen haben „pragmatische Ausnahmen“ bei Nachtflugverboten gefordert, um vor allem Passagiere aus dem Ausland zurückbringen zu können.

Bitte ein Bett! Der Abflug- und Landestopp auf den Flughäfen hat auch für Hotels Folgen. „Die Nachfrage nach Verlängerungen ist zwar gestiegen, doch gibt es genauso viele Stornierungen von Zimmerbuchungen“, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus GmbH (BTM), „schließlich landen auch keine neuen Gäste in Berlin“. Probleme, die Leute zu beherbergen, gibt es Kieker zufolge demnach keine. Im Hotel „4 Youth“ in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg stornieren viele Gäste ihre Reservierungen. Um die Zimmer doch noch voll zu bekommen, setzt das Hotel nun auf Preissenkungen. Einzel- und Doppelzimmer kosten bis zu 20 Euro weniger. Auch im Hotel Adlon am Pariser Platz gibt es mehr Stornierungen als Verlängerungen. 30 Prozent der Buchungen werden gestrichen, länger bleiben wollen nur zehn Prozent der Hotelgäste, sagt Hotelsprecherin Sabine Kalkmann. Um ihren Hotelgästen trotz stornierter Flüge die Heimreise zu ermöglichen, organisiert das Adlon alternative Transportmittel wie Bahn, Limousine oder Fähre. „Auch Helikopter-Flüge sind möglich“, so Kalkmann.

Rauf auf die Autobahn. Viele Parkplätze der Autovermieter waren leer. Bei Sixt heißt es: „Wir versuchen, kurzfristig bis zu 2000 Fahrzeuge mehr für unsere Flotte in Europa zu mobilisieren.“ Eine Knappheit hat Sixt in Berlin allerdings nicht. Der Grund: Auch die Flüge nach Berlin wurden gekippt und Anmietungen storniert. Bei Avis am Flughafen Tegel wird der Bestand von Fahrzeugen hingegen allmählich knapp, wie ein Mitarbeiter sagt. Die Kunden gäben die hier gemieteten Mietwagen schlicht nicht mehr in Berlin zurück.

Das Konzert fällt leider aus. Die Isländer, kein Wunder, können nicht kommen. Das „Whale Watching Tour“-Konzert am heutigen Sonntag im Admiralspalast fällt aus: die Musiker des isländischen Labels „Bedroom Community“ müssen zu Hause bleiben und reisen erst am 15. August an. Ein Ersatztermin für das gestern ebenfalls im Admiralspalast ausgefallene Konzert der in New York lebenden französischen Sängerin Emilie Simon steht noch nicht fest. Doch bisher leidet Berlins Kulturleben kaum unter der Aschewolke. Zwar muss das irakisch-deutsche Theatertreffen im Theaterhaus in der Wallstraße seine heutige Eröffnungsveranstaltung absagen; die deutsche Inszenierung von „Frauen-Hammam“ wird voraussichtlich auf Donnerstag verschoben und in der Werkstatt der Kulturen aufgeführt. Aber die großen Häuser melden vorerst keine Spielplanänderungen: Schauspieler und Sänger reisen mit der Bahn an, soweit sie gerade auswärts verpflichtet waren, Opernabende und Konzerte finden wie geplant statt. Das britische Cabaret-Orchester „Marcella & The Forget Me Nots“ in der Bar jeder Vernunft hat höchstens Probleme, wieder nach Hause zu kommen. Da hat das Publikum schon mehr Probleme. Der Wochenend-Trip nach Berlin fällt kurzfristig aus: Von Stornos berichten einige Institutionen. Die Staatsoper tauscht telefonisch zurückgegebene Tickets gegen Gutscheine um. Und dass das Thessaloniki State Symphony Orchestra am kommenden Mittwoch nicht im Konzerthaus spielen kann, hat allerdings nichts mit dem Flugverbot zu tun, sondern mit dem Streik der Flugsicherheit in Griechenland.

Allein im Bus. Auch wenn keine Flugzeuge starten und landen, fahren die Busse der BVG planmäßig zu den Flughäfen Schönefeld und Tegel. Den Fahrplan könne man nicht einfach ändern. anb, du-, chp, kt, sib

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