Flughafen BER : Hinterm Bauzaun geht’s weiter

Ein Manager schimpft, ein Putzmann döst, ein Bulgare verzweifelt. Tausende Menschen sind auf der BER-Baustelle im Einsatz. Ein Besuch bei den Arbeitern am Terminal.

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Ein Flughafen-Mitarbeiter bei der "Brandwache" am BER.
Ein Flughafen-Mitarbeiter bei der "Brandwache" am BER.Foto: dapd

Vor dem Infotower des Flughafens BER parkt ein Bestattungs-Benz von Grieneisen. Passt jetzt irgendwie ins Bild, auch wenn der Fahrer nur mal einen Blick auf die startenden Easyjets von nebenan werfen will.

Murat und Cengiz arbeiteten noch gestern für den „modernsten Flughafen Europas“, heute langweilen sie sich. Cengiz macht ein Nickerchen in einem Bretterverschlag auf dem Parkplatz, Murat albert herum, ihr Chef runzelt die Stirn. „Sie haben gesagt, ich soll die Kapazität auf null fahren, in Pier Nord und Pier Süd.“ Da machen seine 50 Gebäudereiniger sauber, aber jetzt sei „Baustopp“, sagt Alim Seyfullah vom Unternehmen Rein Team. Er macht sich Sorgen wegen der Kündigung der Projektplaner pg bbi, die auch für die Überwachung des Baus zuständig waren. „Die neuen Planer wissen doch gar nicht, was bisher gelaufen ist.“ Rechnungen über 80 000 Euro hat Seyfullah noch offen.

Die Flughafenbaustelle sieht eine Woche vor dem 3. Juni, dem ursprünglichen Starttermin für den BER, so unfertig aus wie vor einem Jahr. Am zentralen Baustellen-Checkpoint am Osttor der Großbaustelle, herrscht reger Verkehr. Nein, von Baustopp könne keine Rede sein, sagt Flughafensprecher Rainer Kunkel. Mehr als 7000 Bauarbeiter seien derzeit auf dem Gelände, davon 2500 im Terminal, um „Restarbeiten“ zu erledigen, den „Objektschutz“ zu gewährleisten und „Brandwachen“ zu schieben, weil die automatische Brandmeldeanlage bekanntlich ihren Dienst versagt.

Die Außenanlagen sind dagegen „voll im Plan“, sagt der Mitarbeiter eines großen Tiefbauunternehmens. Heute ist die Abnahme für die Freiflächen vor dem Terminal mitsamt dem Brunnen auf der Plaza, sogar der Chef aus Holland ist deswegen angereist. Der Springbrunnen könne jederzeit in Betrieb genommen werden. Aber wann beginnt die Gewährleistungsfrist, wenn die Anlagen erst in neun Monaten angeschaltet werden?

An den „Midway Gardens“ schieben sie mit schwerem Gerät Sand zu Dünen zusammen, die jungen Bäume drumherum sind schon gesetzt und verdursten langsam in der Brandenburger Frühjahrsdürre. Und wer kümmert sich bis zum 17. März 2013 ums Gießen?

Neben der Grünanlage stehen die Leute von der Firma Swarko entspannt in der Sonne, während ihr Chef telefoniert. Die Verkehrstechniker verlegen die Kabel für eine Ampelanlage. Eigentlich hätten sie das schon Anfang April tun wollen, aber da gab es noch keine Straße. Nun müssten sie eigentlich noch auf den Kabelschacht warten, der sich auch verzögert, aber die Bauleitung hat ihnen grünes Licht zum Improvisieren gegeben. „Am 29. Mai ist Abnahme“, sagt Swarko-Mitarbeiter Bastian Schröder. Trotz der geplatzten Eröffnung würden keine Termine verschoben. „Die wollen sehen, wer es bis zum 3. Juni nicht geschafft hat.“

Auf dem Parkplatz am Osttor wartet ein Mittvierziger im schneeweißen Audi-Sportwagen auf seine Kunden. Heute will er ihnen das betriebsbereite Mietwagencenter zeigen, das jetzt für neun Monate zum Stillstand verdammt ist. Rund drei Millionen Euro habe das Gebäude gekostet. Wer für den finanziellen Schaden – der Manager spricht von mehr als einer Million Euro – aufkommen wird, ist noch offen. „Der Flughafen hat grob fahrlässig gehandelt“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. Da müsste es juristisch einen Hebel geben, glaubt er, auch wenn im Vertrag mit dem Flughafen keine Entschädigung vorgesehen sei. Darum kümmern sich nun die Anwälte.

Ein Paketlieferant wartet auf seinen Abnehmer auf der Baustelle. Weil er nicht angemeldet ist, darf er den Checkpoint nicht passieren. Ein Telekom-Techniker fährt heraus, um das Paket entgegenzunehmen. Darin soll sich ein „Verteilerfeld“ für Glasfaserleitungen befinden, die Datenräume im Terminal miteinander verbinden. Interessant. Habe aber nichts mit der defekten Brandschutztechnik zu tun. Sorgen bereitet dem Mann eher der feine Baustaub im Terminal, darauf würden die Glasfaserleitungen schon sehr allergisch reagieren.

Für einen Trupp Trockenbauer aus Portugal, Spanien und Bulgarien droht der Flughafenbau zum persönlichen Desaster zu werden. „Ich bekomme noch 4000 Euro, die anderen jeweils 2000 Euro“, sagt ihr Sprecher Ivanov Dobramir. Der Chef habe ihnen gesagt, die Firma sei insolvent, es gebe kein Geld, sie sollten nach Hause fahren. Aber wie? „Wir haben nicht mal genug Fahrgeld.“ Ihre Baustellenausweise wurden gesperrt. Jetzt warten sie vor dem Checkpoint auf jemanden, der ihnen weiterhilft. Am Telefon bestätigt ein Vertreter der sächsischen Baufirma aus Sachsen die Insolvenz. Die Portugiesen und Spanier seien „Nachunternehmer, die jetzt kein Geld mehr kriegen. Das ist das Normalste von der Welt“.

Heute wollten sie nach Hause fliegen, zu ihren Familien, nach drei Monaten Arbeit für den „modernsten Flughafen Europas“. Thomas Loy

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