Flughafen in Schönefeld : Klinikum Neukölln im Katastrophenfall ungeeignet

Bei einer Katastrophe am Flughafen Schönefeld wäre auch das Klinikum Neukölln zuständig. Doch das Vivantes-Haus wäre überlastet, warnt der Gesundheitsstadtrat.

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Zum Glück nur eine Übung. Neukölln sorgt sich um sein Krankenhaus, weil es für Katastrophen wohl nicht ausreichend gerüstet ist.
Zum Glück nur eine Übung. Neukölln sorgt sich um sein Krankenhaus, weil es für Katastrophen wohl nicht ausreichend gerüstet ist.Stephanie Pilick/dpa

In der Debatte um marode Kliniken hat der Neuköllner Gesundheitsstadtrat vor folgenschweren Engpässen gewarnt: Die Lage im Vivantes-Klinikum Neukölln sei so gravierend, sagte Falko Liecke (CDU) am Mittwoch, dass das Haus für den Havariefall nicht gewappnet wäre. „Wenn es in der Nähe zu Unfällen kommt, bei denen mehr als 60, 70 Menschen betroffen sind, gibt es ein massives Problem“, sagte Liecke, der auch für Katastrophenschutz zuständig ist. „Was ist, wenn etwa am Flughafen Schönefeld was passiert?“

Die Vivantes-Rettungsstelle in der Rudower Straße wird von Notärzten als Erstes angefahren, wenn es in Neuköllner Schulen, Heimen und Großbauten brennen sollte – von Verletzten üblicher Kneipenschlägereien, von Straßen- und häuslicher Gewalt ganz abgesehen. „So, wie die Lage im Klinikum aussieht, geht das keine fünf Jahre mehr gut“, sagte Liecke. „Der Senat muss reagieren.“

Rettungsstelle nimmt jedes Jahr 78.000 Patienten auf

Die Feuerwehr fährt die Klinik rund 22000 Mal im Jahr an – viele Rettungsstellen der Stadt werden maximal 10000 Mal angefahren. Die Neuköllner Rettungsstelle war einst für 25000 Patienten im Jahr ausgelegt, nun werden dort 78000 Patienten versorgt. Über den hohen Sanierungsbedarf und die knappen Kassen der landeseigenen Vivantes-Kliniken wird seit Jahren gesprochen. Wie berichtet hatte die Klinikkette 2014 mit knappem Gewinn abgeschlossen – viel zu wenig, um die neun Krankenhäuser und die 13 Pflegeheime von Vivantes zu modernisieren. Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau sagte, die Neuköllner Klinik sei samt ihrer Rettungsstelle dennoch „in der Lage, auf Großschadensereignisse zu reagieren“. Bei Engpässen gelinge das nicht zuletzt durch die engagierten Mitarbeiter. Allerdings sei Neukölln tatsächlich für weniger Patienten ausgelegt, „so dass Investitionen in naher Zukunft dringend erforderlich sind“. Die Lage sei „schlimmer geworden“, sagte Volker Gernhardt, Betriebsrat in Neukölln. „Die Räume sind viel zu klein.“

Interne Berichte: Anlagen nach fast 30 Jahren am Ende

Berichten aus dem Haus zufolge werden täglich Flurbetten aufgestellt, das heißt, Patienten warten in den Gängen, bis Zimmer frei sind. In einer internen Analyse heißt es: „Schwierige Bedingungen bei Massenanfall von Verletzten.“ Lüftungen und Leitungen sollten ausgetauscht werden. „Die technischen Anlagen haben nach fast 30 Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreicht.“ Der Chef des Gesundheitsausschusses im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers (Linke), sagte mit Blick auf Stadtrat Liecke: Katastrophenszenarien seien unsinnig, Investitionsbedarf ergebe sich schon aus den alltäglichen Problemen vor Ort.

Vivantes: Wollen neue Rettungsstelle

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) nannte die Neuköllner Rettungsstelle „eine wichtige Säule für die medizinische Notfall- und Erstversorgung“ der Stadt, auch der Vivantes-Konzern bekäme Mittel aus dem kürzlich aufgelegten Siwa-Sonderfonds. Weil seit der Vivantes-Gründung 2001 wenig in die Kliniken investiert wurde, reichen diese 55 Millionen Siwa-Euro nicht. Allein für unmittelbar nötige Modernisierungen nur in Neukölln veranschlagt der Vivantes-Vorstand 100 Millionen Euro. Die sollen mit dem Landeshaushalt 2016/17 kommen, darum bemühen sich Vorstand und Personalvertreter. Kurzfristig kleinere Summen brächten wenig: Das nun geflickte Dach müsste ohnehin einer Komplettsanierung weichen. Vivantes-Sprecherin Moriceau sagte, man plane eine neue Rettungsstelle: Nötig sei aber eben ein Neubau, über den gesondert gesprochen werden müsse.

Krankenkassen: Senat muss mehr tun, sonst zahlen wir drauf

Auch die Krankenkassen wollen, dass der Senat mehr in die Kliniken investiert. Weil dort Geld fehle, sagte die Berliner TK-Chefin Susanne Hertzer, müssten die Krankenhäuser aus den Mitteln, die die Kassen eigentlich für die Behandlung ihrer Versicherten zahlen, Geld abzweigen. Womöglich müsse der Bund den Ländern helfen. Die Berliner Krankenhäuser brauchen einer Studie zufolge 219 Millionen Euro an Jahresinvestitionen. Derzeit sollen sie 77 Millionen Euro bekommen.

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