Flughafen-Pleite : Es läuft doch!

Klar, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker hätten alles besser gemacht. Aber das ständige Herumhacken auf Berlin geht schlicht zu weit. Das, was in Schönefeld passiert, ist keine hiesige Spezialität.

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Hinterher haben es immer alle vorher gewusst. Und doch gibt es manchmal Überraschungen. Zum Beispiel die, dass Bahn-Berserker Hartmut Mehdorn, den damals alle zur Hölle gewünscht haben, nun im Lichte des BER-Fiaskos als genialer Macher dasteht. Hat er nicht durch intensiven persönlichen Einsatz den hochkomplexen Hauptbahnhof zur pünktlichen Eröffnung geprügelt? Und ist das nicht genau das, was Klaus Wowereit und Matthias Platzeck beim Flughafen nicht getan haben? Aber hätten sie es tun sollen? Tun können? Es ist alles so öde und vorhersehbar. Jeder weiß, dass Bauprojekte ab einer gewissen Größenordnung in Deutschland nicht mehr offen geplant, gegen alle Interessen durchgesetzt und sauber finanziert werden können, denn sonst gäbe es sie nicht mehr. Der politische Wille, wenn er denn da ist, hat Schleichwege zu nehmen, in deren Verlauf die Kosten heruntergetrickst, die Bauzeiten extrem optimistisch berechnet, die Risiken ausgeblendet werden. Hinterher wird alles teurer, dauert länger und bringt mehr Bürger in Rage, als sich die Politiker jemals vorgestellt hätten – das ist hässlich, aber so ist die Realität. Hamburg: Die Elbphilharmonie, mit der sich Ole von Beust ein Denkmal setzen und einen touristischen Glanzpunkt schaffen wollte, steht seit Jahren halb fertig am Hafen. Kosten, Bauplanung und Zeitplan sind derart aus dem Ruder gelaufen, dass der Flughafen BER dagegen wie ein Muster preußischer Präzision erscheint. Wien: Nur ein neues Terminal wurde 2004 für den Flughafen angekündigt – jetzt, im Sommer 2012, soll es fertig sein. Das Nachrichtenmagazin „Profil“ bilanzierte: Der Bau sei zu einem „Mahnmal beispielloser Misswirtschaft“ geworden, das „den Flughafen in die wohl schwerste Krise seiner Geschichte gestürzt hat“. Die Kölner U-Bahn? Stuttgart 21? Ach, lassen wir das. Das, was jetzt drunten in Schönefeld passiert,ist also keine Berliner Spezialität. Schon deshalb nicht, weil der Flughafen in Brandenburg steht und genau so von Matthias Platzeck zu verantworten wäre. Der aber scheint im allgemeinen Shitstorm irgendwie abzutauchen, als sei er gerade mal der arglose Eigentümer des Grundstücks. Alles, was hier in dieser Gegend schiefläuft, gerät irgendwie zum Beweis der Berliner Unfähigkeit, die von draußen betrachtet eine Art genetischer Defekt zu sein scheint. Natürlich: Über Fehler und personelle Konsequenzen muss geredet werden, der Chefplaner, ein Rheinländer übrigens, ist weg. Aber das Herumhacken auf Berlin, auch aus den eigenen Reihen, geht schlicht zu weit. Klar hätten Willy Brandt und Richard von Weizsäcker alles besser gemacht. Wären sie noch im Amt, am besten alle beide,dann säßen die Vorstände aller Dax-Konzerne in Berlin, die Schlote der Zukunftsindustrien würden giftfrei rauchen ohne Unterlass, die Stadt wäre Sitz der Uno, Greenpeace-zertifiziert und schuldenfrei. Und ihre Senatoren könnten trockenen Fußes über den Wannsee wandeln. Da kann uns Klaus Wowereit mit seinen beschränkten Mitteln nur leidtun. Komischerweise wird er ständig wiedergewählt. Weil er so schlecht ist? Weil er sich so schwer damit tut, Verantwortung anzunehmen und einzugestehen? Auch dieser Widerspruch zwischen Zustimmung und Ablehnung ist keine Berliner Spezialität. Das mit Abstand Berlinischste an der Situation ist das Gemecker darüber, das mit einem Mausklick in die Internetforen aufgerufen werden kann – Millionen von Experten, die zwar alle unterschiedlicher Meinung sind, aber doch in einem einig: Sie selbst würden es besser machen, ließe sie nur jemand. Insofern wirkt es schon wieder konsequent, dass diejenigen, die sich am meisten über den Dilettantismus der etablierten Politiker empören, mit Vorliebe zu den Piraten überlaufen, jener Partei also, die den Dilettantismus zum Programm erhoben hat. Da wächst dann zusammen, was nicht zusammengehört, eine neue Berliner Mischung, die wenig zukunftsfroh stimmt. Ach, Berlin. Bist ein bisschen die USA der Städte. Alle Welt meckert an dir rum, übt sich in Spott und Abscheu. Aber trotzdem wollen alle lieber heute als morgen bei dir einziehen. Und das ist doch ein sicheres Zeichen dafür, dass einiges richtig läuft.

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