Berlin : Flughafen Tegel: Beim Einchecken ein mulmiges Gefühl

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Shekar Aiyer ist froh, dass er nicht mehr in Indien ist - vorgestern hat er dort die ersten Angriffe der Amerikaner aufs nahe gelegene Afghanistan im Fernsehen verfolgt. Seine Geschäftsreise führt ihn von Berlin über München und London zurück in die Wahlheimat Orlando. Angst vorm Fliegen? "Nein, wenn du an der Reihe bist, kannst du ohnehin nichts machen." So wie dem Mann aus der Unterhaltungsbranche ging es gestern etlichen Passagieren auf dem Flughafen Tegel: Mulmig ist vielen, Angst haben aber nur wenige.

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7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Eine erneute Intensivierung der Kontrollen wie nach den Terroranschlägen vom 11. September war nach Auskunft von Hans Döhring, Geschäftsführer der Berliner Flughafen-Gesellschaft, nicht nötig. "Bei uns herrscht seitdem bereits Sicherheitsstufe 1", sagt Flughafen-Sprecherin Rosemarie Meichsner. Auch der BGS befindet sich bereits in höchster Alarmbereitschaft.

Überall kann man auf Fotokopien auf dem Counter und an den Wänden lesen, was nicht mehr ins Handgepäck gehört: Spielzeugwaffen, Nagelfeilen und -scheren, Katapulte, Haushaltsbestecke, Messer, Rasierklingen, Spritzen, Sportschläger, Werkzeuge, Pfeile, Stricknadeln. Aber auch anderes wird zurückgewiesen: Wunderkerzen etwa, ein Geschenk - denn man kann ihr Feuer nicht ausblasen. "Einige Leute mussten sich von ihren Nageletuis verabschieden, und ich habe heute einer Familie eine Kinderschere abgenommen", sagt eine Lufthansa-Mitarbeiterin.

Viele Passagiere wüssten nicht, dass man nur noch eine einzige Handgepäck-Tasche mitnehmen darf - das Umpacken koste beim Einchecken Zeit. Obwohl Handgepäck nach dem Röntgen jetzt öfter auch manuell überprüft wird, laufen die Kontrollen zügig. Dabei entdeckte unerlaubte Gegenstände im Handgepäck - die nicht mehr in den Koffer gepackt werden können - können nur noch per Post nach Hause geschickt werden. Am Check-in des British-Airways-Fluges nach London - britische Truppen unterstützen die amerikanischen Streitkräfte aktiv - hat sich am Vormittag eine ungefähr 50 Meter lange Schlange gebildet. Gleichwohl startet die Maschine pünktlich um 12.35 Uhr. Eine Mitreisende berichtet später, der Flug sei "ganz normal" verlaufen. Bewaffnete Flugbegleiter waren nicht zu sehen, die Stimmung an Bord war nicht anders als sonst. Nur der Flug nach Mailand - wo sich gestern das schwere Flugzeugunglück ereignete - wurde zunächst um Stunden verschoben, der italienische Flughafen blieb bis zum Abend geschlossen.

Auch am Schalter von KLM und Northwest in Tegel gestern: "Business as usual". Keine spürbare Zunahme von Buchungsstornierungen - so auch die Auskunft von Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. Zurückhaltung gegenüber Reisezielen in der arabischen Welt hat hingegen Klaus Krawelitzki vom Sportreiseveranstalter "Happy surf" registriert. "Statt Ägypten buchen viele Südamerika, Kanaren und Kapverden." Bei Deutschlands größtem Reiseanbieter TUI wird mit möglichen Stornierungen wegen des amerikanisch-britischen Gegenschlages erst ab Mittwoch gerechnet. "In der Regel dauert es zwei Tage, ehe die Menschen sich entscheiden", sagte TUI-Sprecher Robin Zimmermann. Eine Sonderregelung bei Stornierungen wie nach dem 11. September werde es aber nicht geben: "Es gelten die üblichen Gebühren."

Ruth und Richard Guhl treten ihre Rückreise von Tegel nach Chicago an. Fliegen die Amerikaner mit den Cowboyhüten noch gern? "Naja, zum Glück sind wir nicht nach Pakistan unterwegs", sagt Richard. Jens Kindinger muss zurück nach Frankfurt. Angst? Nein. "Ich arbeite bei der Luftfracht und weiß, wie sehr die Sicherheitsbestimmungen verschärft wurden", sagt der 29-Jährige. Anders ergeht es Andrew und Ray aus Australien. "Wir landen in moslemischen Singapur zwischen, schön ist das nicht." Und eine 40-jährige Qualitätsmanagerin bei VW aus Edelsbach ist "mit der Fliegerei erstmal durch: So naiv kann kein Mensch sein, zu denken, dass nicht auch Deutschland von Terrorakten getroffen werden kann." Ein Mann mit Aktenkoffer meint wiederum, solange die Bundeswehr nicht aktiv in das Geschehen eingreife, fühle er sich in Deutschland sicher.

In Tegel werden nun auch Flughafenmitarbeiter mit Berechtigungsausweis für den Sicherheitsbereich verstärkt kontrolliert. Und wer seinen Freunden oder Verwandten von der Besucherterrasse hinterherwinken möchte, muss gefährliche Gegenstände vorher abgeben. Doch die drei Polizisten, die hier patrouillieren, sind ohnehin unter sich. Die Lautsprecherdurchsagen warnen indes vor einer ganz anderen Gefahr: Autos im Halteverbot werden abgeschleppt.

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