Flughafen Tempelhof : Obacht und Obdach

Vor allem Neugierige kamen gestern zum Flughafen Tempelhof. Und mittendrin der obdachlose Dauergast, der auch weg muss.

Stefan Jacobs

Am Tag vor der Beerdigung ist das Leben noch einmal zurückgekehrt in den Flughafen. Eine Wolke aus Gemurmel hängt in der Luft, die sich aus einer Konferenz auf der Galerie und aus den Gesprächen der Flaneure in der Halle speist. Sogar Restkarten für Rundflüge mit einer alten Antonow sind noch zu bekommen; zumindest für ganz kurz Entschlossene. Ein Kunde ruft zwecks Reservierung schon seinen Namen herüber, während er vom Schalter zum Geldautomaten hetzt. Kartenzahlung ist schon nicht mehr möglich.

Fotoapparate klicken. Familien mit Schulkindern schlendern herum. Überhaupt sind mehr Frauen und mehr jüngere Leute als sonst hier. Eine Frau mit Pro-Tempelhof-Tasche verteilt Aufrufe zu der Demo, mit der die Flughafenfreunde Klaus Wowereit die Abschiedsparty vermasseln wollen. Aber heute sind nicht die Empörten in der Mehrheit, sondern die Neugierigen. Zwischen ihnen sind Fernsehteams unterwegs – so viele, dass sie aufpassen müssen, sich nicht gegenseitig zu filmen.

Die verbleibenden Flüge reichen gerade noch, um die Anzeigetafel zu füllen. Die verschwindet ohnehin hinter der Bühne, die Arbeiter fürs Abschiedsfest zusammenschrauben. Ansonsten ist das meiste längst ausgeräumt. Im Büro von Cirrus Airlines, dem Anbieter der letzten Linienflüge, diskutieren sie, ob sie „Tegel“ auf die Umzugskisten schreiben sollen oder ob „TXL“ reicht. Sie haben sogar noch Tickets für Donnerstag. Nur leider nach Mannheim und mit Rückflug mehr als 700 Euro teuer, weil Business Class.

Draußen erzählt ein Taxifahrer, er sei jeweils eine Stunde vor der nächsten Landung hier und habe so ganz passable Geschäfte gemacht. „Hier war auch ein guter Platz zum Kaffeetrinken und Reden.“ Jetzt werde er wohl zu einem Hotel nach Mitte ausweichen oder nach Schönefeld. Aber dort habe er auch schon mal drei Stunden gewartet und dann nur eine Fahrt nach Rudow bekommen. „Macht acht Euro für drei Stunden.“

Nicht draußen, aber auch nicht wirklich drin sitzt Ralf. Die Leute stehen neben ihm, während sie schauen, ob sie die Terroristen auf den Fahndungsplakaten kennen. Aber meist bemerken sie ihn nicht, wie er auf seinem kleinen Rucksack sitzt, den Rücken an eine Säule gelehnt und auf den Knien einen Block. In den schreibt Ralf Zahlenkolonnen und Omegas und Pis, anhand derer er auf Nachfrage die ganze Welt erklären kann. Jedenfalls sich selbst. Seit vier Jahren sitzt Ralf hier, „obdachlos in Anführungszeichen“: Essen bekomme er für Hilfsarbeiten vom Kiosk, Kleidung von den Taxifahrern; er kenne ja die Leute hier. Wenn abends abgeschlossen wurde, ist er raus zum Schlafen, und morgens wieder rein. Nun, wenn niemand mehr den Flughafen aufschließt, müsse er wohl „zur Jobbörse oder zur Caritas“, und „Hartz zwei oder vier oder so beantragen“. Ralf ist dann nicht mehr nur in Anführungszeichen obdachlos. Stefan Jacobs

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