Flughafen Tempelhof : Startvorbereitung in der Flugschneise

In 12 Tagen schließt Tempelhof. Verlustängste und Zukunftshoffnungen gibt es auch auf Neuköllner Seite. Dort sollen Villen entstehen. Man fragt sich schon, ob ausgerechnet die Oderstraße mit ihren Kampfhunden und Graffiti der richtige Ort dafür ist.

Sven Goldmann
Oderstraße Neukölln
Ende der Startbahn: Abendstimmung in der Oderstraße in Neukölln. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Ach, zum Flughafen wollen Sie“, sagt der Wirt von der „Flugschneise“. Na dann: Vorne durch das Tor zum Jugendzentrum, hinterm Abenteuerspielplatz scharf nach rechts und noch ein paar Meter bis zu der kleinen Anhöhe. Hier nimmt Neukölln im kleinen Kreis Abschied von Tempelhof. Zwanzig, dreißig Menschen, fast alles Männer, halten Videokameras, Ferngläser und Fotoapparate mit riesigen Objektiven vor ihren Köpfen, die sie alle synchron in dieselbe Richtung drehen. Nach Westen, von wo ihnen gerade ein riesiger Vogel entgegen schwebt.

„DC-3“ sagt einer, und die anderen nicken. Es ist die legendäre Propellermaschine von Douglas, die Berliner nannten sie Rosinenbomber. Damals, in den Blockadejahren 1948 und 1949, als die Stadt von den Amerikanern über die Luftbrücke versorgt wurde.

60 Jahre später kreisen die DC-3 immer noch über Tempelhof, aber sie tragen keine Konserven im Bauch, sondern Nostalgietouristen. Und die Leute auf der Anhöhe – könnten sie nicht die alt gewordenen Kinder auf dem berühmten Luftbrückenfoto sein? Die Szenerie hat etwas Sakrales: Links erhebt sich der Tower, in der Mitte thront die Basilika am Südstern. Ganz rechts sieht man den Fernsehturm am Alexanderplatz, und weil sich die Dimensionen in der Weite verlieren, sieht es so aus, als gehörte er zum Flughafen, sozusagen als zweiter Tower.

Kein Handygebimmel entweiht das Rattern der Propeller. Die kleine Anhöhe im Niemandsland hinter der Oderstraße ist ein Tipp für Insider. Kein Wegweiser, kein Eintrag im Reiseführer führt hierher. Überhaupt weiß kaum jemand, dass ein kleines, aber markantes Stück des weltberühmten Flughafens zu Neukölln gehört. Im äußersten Osten des Flugfeldes stößt die eigens für die Luftbrücke gebaute südliche Startbahn an die Oderstraße, so heftig, dass die Straße hier unterbrochen ist. Ein Fußgängerweg flickt die beiden Teile zusammen.

Am Rand steht die „Flugschneise“, ein Imbiss mit Stammgästen, die auf Korbstühlen vor der Theke sitzen. Sie reden über den Müll auf den Straßen, die Bauarbeiten am Wartheplatz, steigende Mieten. Und, natürlich, über den Flughafen. „Eine Schande, dass der dichtgemacht wird!“ Noch zwölf Tage.

Die Oderstraße ist kein Boulevard, der zum Lustwandeln entlang des Flugfeldes einlädt. Die Häuser sind mit Graffiti besprüht. Jeder zweite Spaziergänger führt einen Hund aus, mit alle paar Meter sichtbaren Hinterlassenschaften. Die Platanen am Zaun des Flughafens treiben Wurzeln, die wiederum Löcher in den Asphalt des Fahrradwegs sprengen, so dass er für Radfahrer offiziell gesperrt ist und damit frei für die Hundebesitzer. Noch.

Wenn es nach dem Senat geht, werden hier irgendwann Stadtvillen stehen. Die Oderstraße soll zur „Adresse für städtisches Wohnen am Park werden“. Die Planungen sind großzügig angelegt, noch weiß keiner, wann und ob überhaupt gebaut werden soll. Es ist ja nicht so, dass Berlin an einem Wohnungsproblem leidet. Und wenn es denn ausgerechnet im gehobenen Segment behoben werden soll, fragt man sich schon, ob die Oderstraße mit ihren Kampfhunden und Graffiti der richtige Ort dafür ist.

Neukölln und der Flughafen, das war nicht immer eine Liebesbeziehung. Nicht ganz freiwillig hat der Bezirk vor 60 Jahren einen Streifen Land an die amerikanische Militärverwaltung abgetreten. In Zeiten der Luftbrücke, als alle drei Minuten eine DC-3 in Tempelhof landete, musste der Flughafen dringend erweitert werden. Wo jetzt die Südbahn eine Beule in die Oderstraße stößt, hatte das Neukölln der Vorkriegszeit sein größtes Naherholungsgebiet: den Sportpark, ein riesiges Gelände mit einem Stadion nebst Radbahn für 25 000 Zuschauer, mit Fußball- und Hockeyplätzen, Blumengärten, Eisstadion, Buddelkästen und Spielwiese.

Ein 48 000 Quadratmeter großer grüner Gürtel, er reichte von den Gleisen der Ringbahn bis zum Columbiadamm. Nicht einmal die Hälfte ist übrig geblieben. Wer hat Neukölln den Verzicht schon gedankt? Den weltweiten Ruhm für die Luftbrücke staubte allein der Nachbarbezirk Tempelhof ab. Kein Tourist verirrt sich auf die Anhöhe mit dem Panoramablick hinter der „Flugschneise“.

Die Verlustängste von damals kommen wieder hoch, wenn es um die Planung für die Zeit nach dem Flughafen geht. Beim Bürgerbegehren im Mai hat Neukölln mit großer Mehrheit gegen die Schließung gestimmt. In seiner ablehnenden Haltung ist der Bezirk gespalten. Die einen befürchten, rund um die Oderstraße würden die Mieten nach oben schießen, wenn dort erst mal ein Luxusquartier errichtet wird. Die anderen alpträumen von einer allgemeinen Verwahrlosung, von einer Hasenheide XXL. Einig sind sich alle, dass die Zukunft schlechter sein wird als die Gegenwart, von der Vergangenheit ganz zu schweigen.

Eine Anwohnerversammlung im Oktober in der Genezarethkirche am Herrfurthplatz. Die Pfarrerin hat zur Diskussion eingeladen. 100 Anwohner sind gekommen und zwei Beamte aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die beiden Herren reden sehr nett, sehr eloquent und sehr unverbindlich über Planungen, von denen sie selbst nicht wissen, ob sie nun im Jahr 2017, 2020 oder weiß der Himmel wann umgesetzt werden.

Ein Mann steht auf und stellt sich als Vertreter der Neuköllner Linken vor. „Man kennt mich hier als engagierten Bürger“, sagt der Mann und dass er gegen Neubauten sei und für Hundesauslaufgebiete, „wissen Sie, wir haben hier fast alle Hunde“. Aufmunternder Applaus begleitet ihn. Eine ältere Frau tritt ans Mikrofon und sagt, dass sie schon ganz gerne wohnen würde in dem neuen Quartier am Flughafen, aber das sei ja wohl für feinere Herrschaften geplant. Vorn liegen Landkarten aus, und ein Mittsiebziger beklagt sich, dass das Columbiabad nicht mehr zu sehen ist: „Soll uns das etwa auch noch weggenommen werden wie damals der Sportpark?“ „Nein, nein“, der Versammlungsleiter hebt beschwichtigend die Hände, „das Schwimmband bleibt natürlich“.

Wird auch die „Flugschneise“ bleiben? Wird sich das Geschäft noch lohnen, wenn nicht mal mehr die Neuköllner zur Anhöhe hinter dem Abenteuerspielplatz kommen, weil es keine Rosinenbomber mehr zu bestaunen gibt? Am Imbiss nehmen sie auf ihre Weise Abschied. Neben der Theke klebt eine Pressemitteilung des Oberverwaltungsgerichts: „Eilanträge gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof angenommen.“ Die Pressemeldung stammt vom 23. September 2004.

Ab und zu kommt jemand vorbei und fragt nach dem Weg zur Anhöhe mit dem schönen Ausblick. Vorne durch das Tor zum Jugendzentrum, hinterm Abenteuerspielplatz scharf nach rechts. Am schönsten ist es, wenn die Sonne untergeht. Feine Nebelschwaden tauchen das Flughafengebäude in fahles Licht. Schade, dass die Besucher so früh gehen müssen. Um halb sieben schließt erst das Jugendzentrum, ein paar Minuten später das Tor und in zwölf Tagen auch der Flughafen.

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