Berlin : Flughafensozialdienst: Mehr als eine heiße Suppe und warme Worte

Amory Burchard

Am einfachsten sind die Russlanddeutschen zu erkennen. Christina Saliger sieht Großfamilien, geschart um die dick eingemummelte Großmutter und weiß: Das sind Aussiedler, die brauchen Hilfe. In der Ankunftshalle des Flughafens Schönefeld greifen sie sich diese typischen rot-weiß-karierten Aussiedlertaschen vom Gepäckband. Menschen, die aus dem tiefsten Sibirien oder Kasachstan in die Heimat ihrer Ururgroßeltern zurückkehren, brauchen immer die Hilfe des Flughafensozialdienstes: Geleit ins Übergangslager, eine heiße Suppe in der Sozialstation am Rande der Flughafenparkplätze, erste Antworten auf die vielen Fragen an das unbekannte Land.

Seit zehn Jahren, als Caritas und Diakonie den Sozialdienst am Airport Schönefeld aufnahmen, standen 24 000 Menschen nicht mehr allein an der Pforte zu Deutschland. Russlanddeutsche, Bürgerkriegsflüchtlinge, Asylsuchende, Passagiere mit Behinderungen und irgendwie am Rande der Großstadt Gestrandete werden im Niemandsland nicht mehr nur von den strengen Bundesgrenzschutzmännern empfangen, sondern von Christenmenschen mit Sozialarbeiterausbildung. "Wir fragen nicht, ob jemand ein Wirtschaftsflüchtling sein könnte, wir sehen nur den Menschen", sagt Christina Saliger. Die Gefahr, dass sie vielleicht Menschen unterstützen, die keineswegs in Not und womöglich sogar kriminell sind, nehmen die Helfer offenbar in Kauf.

Oft sind die Mitarbeiter des Sozialdienstes dabei, wenn keine warmen Worte mehr helfen, wie Anfang August: Ein Ehepaar aus Tschetschenien hatte ein neun Monate altes Baby dabei. "Es ist nicht unseres", sagten die Flüchtlinge. Der Vater sei im Krieg gegen die Russen gefallen. Die Mutter wolle, dass das von chronischer Unterernährung gezeichnete Kind überlebt - im sicheren, satten Westen. Ihre Vollmacht, die die tschetschenischen Pateneltern vorlegten, reichte nicht aus. Kaum ein paar Stunden in Deutschland, sollten sie das Kind hergeben.

Der Zivildienstleistende Andreas Schlundt versuchte, mit Hilfe eines Dolmetschers zu erklären: Deutsches Recht, Wohl des Kindes, Pflegefamilie. "Im Endeffekt", sagt Schlundt, "musste man es ihnen gewaltsam wegnehmen." Es war sein zweiter Tag als Zivi. "In dem einen Fall helfen so gut es geht, dann im nächsten", rät Christina Saliger. Wenn man über solche Geschichten länger nachdächte, machte man sich nur verrückt.

Den Schrecken eines Flugzeugabsturzes kennen Christina Salinger und ihre Kollegen selbst nur aus Katastrophenübungen, an denen sie regelmäßig teilnehmen. Die Angst vor den Familientragödien konnten diese Übungen ihr nicht nehmen. Einer Urlauber-Familie musste sie den Unfalltod des 20-jährigen Sohnes mitteilen. Dessen Großmutter war mit im Süden gewesen, ihr Mann blieb in Berlin. Als die Sozialarbeiterin die Familie zu einem Gespräch bat, brach die alte Frau in Tränen aus: "Papa ist was passiert." Nein, musste Christina Saliger sagen, es war ihr Enkel, ihr Sohn, mit dem Motorrad ...

Die Sozialarbeiterin steht dann bald wieder in der Ankunftshalle, hält ein freundliches Lächeln und ein frisch aufgeladenes Handy bereit. Um kurz vor neun Uhr landet die Maschine aus Moskau. Diesmal sind keine Tschetschenen und auch keine Aussiedler dabei. Die große russlanddeutsche Welle ist abgeebbt, seitdem das Lager Marienfelde nicht mehr Erstaufnahmestelle ist. Und die Geschäftsleute und Touristen, die zum Gepäckband gehen, die brauchen keine Hilfe.

Aber an der Passkontrolle ist Unruhe. Eine Gruppe Afrikaner steht wie festgefroren im Dämmerlicht der Halle: zwei Männer vor, ein Mann und eine Frau hinter der Barriere. Der Beamte hinterm Tresen hält fragend ein Flugticket hoch, vier Grenzschützer nähern sich. Christina Saliger zögert noch, die Afrikaner anzusprechen. Sie will sie nicht überrumpeln mit ihrer Hilfe, nicht ihren Stolz verletzen. Nach einigen Minuten tritt sie doch an einen der Männer diesseits der Barriere heran. Er schüttelt den Kopf und fragt ohne ein Lächeln zurück, "Why do you ask?"

Christina Saliger fängt über seine Schulter den Blick eines BGS-Mannes auf und geht weiter, zur Passkontrolle. Hier stellt sich heraus, dass die Afrikanerin sehr wohl ernsthafte Schwierigkeiten hat. Sie kommt aus Gambia, will einen Bekannten in Hamburg besuchen. Sie kann eine Einladung, ein Visum und ein Rückflugticket vorweisen. Trotzdem will der Grenzschutz sie nicht passieren lassen. Geld für die Bahnfahrt nach Hamburg hat sie ebensowenig wie Gepäck. Sie hat über ihrem traditionellen Gewand - einem rosafarbenen Baumwollkleid mit durchbrochenen Ärmeln - keinen Mantel, keine Jacke. Ihre nackten Füße stecken in goldfarbenen Sandalen.

Nach einigem Hin und Her stellt sich heraus, dass sie auch die Garantie-Erklärung dabei hat: Der Hamburger Bekannte trägt die Kosten für ihren Aufenthalt. Aber warum hat er sie nicht abgeholt? Der Mann, der die ganze Zeit an der Seite der Frau bleibt, sagt, er habe sie erst im Flugzeug kennengelernt. Er will helfen, er übersetzt die Fragen der BGS-Männer und der Sozialarbeiterin in eine afrikanische Sprache. Als er erfährt, dass ein Bahnticket nach Hamburg der Frau über die Zoll-Grenze helfen würde, zieht er einen Hundertmarkschein aus der Tasche. Er zahlt, Christina Saliger kauft den Fahrschein bei einem Reisebüro im Flughafengebäude.

"Die helfen sich, wie man sich bei uns nur in der Familie helfen würde", sagt sie gerührt. Trotzdem macht sie sich Sorgen um die Afrikanerin. Was soll in Hamburg aus ihr werden, wenn sie am Hauptbahnhof ankommt? An der Passkontrolle hatte Frau Saliger schon versucht, den Bekannten in Hamburg über Handy zu erreichen - vergeblich. Die Sozialarbeiterin schlägt vor, es aus ihrem Büro weiter zu versuchen oder wenigstens die Hamburger Bahnhofsmission um Mithilfe zu bitten. Nicht nötig, sagt jetzt der Helfer der Frau, ich fahre mit ihr nach Hamburg. Christina Saliger sieht noch, wie er und seine Begleiter in der Vorhalle von zwei Männern begrüßt werden. Die Frau in Rosa geht zwischen ihnen hinaus in den Berliner Regen. Wieder so eine merkwürdige Geschichte, von der Christina Saliger doch gerne wüsste, wie sie weitergeht. Als sie ins Büro zurückkommt, klingelt das Telefon. Der nächste Fall: Die Information fragt nach einem Rollstuhl für eine gehbehinderte alte Dame.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben