Berlin : Flugsicherheit: "Dagegen kann man sich nicht schützen"

Jörn Hasselmann

Gegen einen Anschlag wie in den USA ist Deutschland und auch Berlin nach Einschätzung der Luftwaffe wehrlos. "Es gibt kaum eine Chance, eine solche Attacke abzuwehren", sagte Verteidigungsminister Scharping gestern. Er kündigte dennoch eine Verschärfung der Luftabwehr an; der Übungsbetrieb wurde ausgesetzt.

Mit entführten und zu Attentaten missbrauchten Passagierjets hat sich die Bundeswehr in der Vergangenheit nicht beschäftigt. Alle Konzepte sind auf militärische Krisenfälle ausgelegt. Derzeit "gibt es keine militärischen Konzepte, die einen Schutz vor solchen Attentaten bieten könnten", sagte der Chef der 4. Luftwaffendivision, Generalmajor Eike Krüger. Zudem dürfte die Bundeswehr ohne Genehmigung der Politik keine Passagiermaschine abschießen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Bundeswehr überwacht ständig den deutschen und den angrenzenden Luftraum, vor allem natürlich an den Grenzen zu Nicht-Nato-Ländern. Die Soldaten in den geheimen und atombombensicheren Radarführungszentralen können jeden der vielen Leuchtpunkte auf ihren Bildschirmen sofort als "Freund" oder möglichen "Feind" identifizieren. Denn alle internationalen Passagierjets sind mit Flugnummer und Ziel einwandfrei zu identifizieren, eigene Kampfflugzeuge natürlich auch. Alarm wird ausgelöst, wenn ein Flugzeug, das keine Kennung ausstrahlt, die Grenze überfliegt und nach Deutschland einfliegt. Dies kann eine feindliche Militärmaschine sein, ein Kleinflugzeug ohne diese Technik - oder ein Linienjet, dessen "Transponder" per Hand abgeschaltet wurde. Dies hatten die Terroristen gemacht.

Diese Flugzeuge müssen dann von Abfangjägern der Luftwaffe identifiziert werden und zwar sofort. Die Vorgabe der Nato ist, dass die Jäger nach dem Alarm innerhalb von 15 Minuten in der Luft sein müssen; in der Regel geht es schneller. Rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr sind auf zwei deutschen Fliegerhorsten zwei so genannte Alarmrotten (Quick Reaction Alert, QRA) sofort einsatzbereit. Die beiden Phantoms oder Migs stehen mit vorgewärmten Maschinen auf besonderen Positionen direkt an der Startbahn in Bereitschaft. Die Piloten tragen ständig ihren Spezialoverall, nach der Alarmierung erfolgt nur noch ein Kurzcheck, zudem werden die Waffen "scharf" geschaltet. Die Alarmrotte hat beim Start absolute Priorität vor allen Flügen, der Luftraum um den Fliegerhorst wird sofort gesperrt. Die Mig 29 ist innerhalb von 55 Sekunden in 6000 Metern Höhe, mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 2,3 Mach, also gut doppelter Schallgeschwindigkeit, überbrückt sie in Minuten zum Beispiel die 180 Kilometer von Laage bei Rostock nach Berlin. Die in Wittmund, Neuburg / Donau und Rheine stationierten Phantoms sind mit Mach 2 nur unwesentlich langsamer.

In der Regel sind es Sportflieger, die unangemeldet in den deutschen Luftraum eindringen, sich schlicht verflogen haben und auf Anrufe per Sprechfunk nicht reagieren. "Dann steigen wir eben auf und gucken, was sich abspielt", sagte ein Offizier der Luftwaffe gestern dem Tagesspiegel. Tauchen zwei Abfangjäger plötzlich in wenigen Metern Entfernung von einem Kleinflugzeug am Himmel auf, erkennt jeder Pilot, dass er was verkehrt gemacht. Er wird dann von den Jägern zur Grenze zurück eskortiert.

Reagiert ein Pilot nicht, wird er gewaltsam abgedrängt und zur Landung gezwungen. Zwar gibt es nach dem Ende des Kalten Krieges keine offizielle Bedrohungslage mehr. Die Piloten werden aber nach Informationen des Tagesspiegels sehr wohl darauf trainiert, einen russischen Kampfjet, der sich mit einem unter Umständen verwirrten Piloten durchgeschmuggelt hat, abzufangen. Abgeschossen werden darf ein Militärflugzeug erst, wenn der Pilot das Kommando dazu von einem General aus dem Gefechtsführungsstand bekommen hat. Aber auch dieser General darf keinen Abschuss eines Passagierjets anordnen. Die Migs sind mit einer Bordkanone und 150 Schuss sowie mit Luft-Luft-Raketen "Sidewinder" bewaffnet.

Wie es auf den gestern aktualisierten Internet-Seiten der Luftwaffe heißt, sind Abfangjäger auch in Zukunft das einzige Mittel zur Kontrolle und Überwachung des Luftraumes. Denn eine "Glocke" über Deutschland in Form von bodengebundenen Flugabwehrraketen gibt es nicht. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die an der innerdeutschen Grenze stationierten Hawk-, Roland- und Patriot-Systeme teilweise ausgemustert. Diese können mit ihrem Spezialradar auch extrem niedrig fliegende Angreifer erkennen und abschießen. Im Bedrohungs- oder Krisenfall könnten die verbliebenen Flugabwehrraketen-Systeme mobilisiert werden und an sensiblen Punkten - zum Beispiel für den Schutz von Berlin - aufgestellt werden. Für eine flächendeckende Überwachung der Grenzen oder gar von ganz Deutschland gibt es zuwenig Geräte.

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