Berlin : Flugzeugunglück: Die Spätmaschine aus Tegel flog in den Tod

Rainer W. During

Möglicherweise drei Menschen aus Berlin und Brandenburg befinden sich unter den Opfern des Absturzes des Crossair-Fluges LX 3597 am späten Samstagabend bei Zürich. Das erklärte gestern ein Vertreter der Luftverkehrsgesellschaft. Bei dem Unglück der in Tegel gestarteten Maschine starben offenbar 24 der 28 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder.

Von den neun in Krankenhäuser gebrachten Personen befinden sich zwei mit schweren Verbrennungen in kritischem Zustand. 13 Reisende stammen nach Angaben der Kantonspolizei aus Deutschland, alle weiteren aus Österreich, Israel, Kanada, den Niederlanden, Ghana, Schweden, Spanien und der Schweiz.

Die Passagierliste soll erst nach Identifizierung aller Toten und Verletzten sowie der Verständigung von deren Angehörigen veröffentlicht werden. Noch in der Nacht flog die Crossair ein Krisenteam nach Berlin, um hier Angehörige der Opfer zu betreuen. Für Nachfragen von Verwandten und Freunden der Passagiere wurde außerdem eine Telefon-Hotline (0041 1543 6767) eingerichtet. Botschafter Thomas Borer-Fielding sprach gestern den Angehörigen der Toten und Verletzten das Mitgefühl der Schweizer Regierung aus. Die Crossair-Maschine, ein 97-sitziger Avro Regionaljet RJ 100, war am Sonnabendabend mit 21 Minuten Verspätung um 21.01 Uhr vom Flughafen Tegel gestartet und hatte sich eine Stunde später im Anflug auf die Landebahn 28 des Flughafens Zürich-Kloten befunden.

Bei Dunkelheit und leichtem Schneefall lag die Sichtweite bei vier Kilometern, die Wolkenuntergrenze bei 500 Metern, so ein Crossair-Sprecher. Dreieinhalb Kilometer vor dem Flughafen verschwand der Jet von den Bildschirmen der Fluglotsen, ohne dass die Piloten zuvor einen Notruf abgesetzt hatten. Über die Unfallursache gibt es bisher keine konkreten Anhaltspunkte. Aus bisher unbekannten Gründen sei die Maschine zu niedrig geflogen, sagte der Vertreter des Schweizer Bundesamtes für Zivilluftfahrt, Christian Gerber. Seit dem 19. Oktober müssen aufgrund eines neuen Staatsvertrages mit der Bundesrepublik Flüge nach 22 Uhr die Bahn 28 nutzen, die über kein Instrumentenlandesystem verfügt. Im Cockpit des Avrojets saßen aber zwei erfahrene Piloten; der Flugkapitän arbeitete seit 1979 bei der Crossair.

Am 10. Januar vergangenen Jahres musste die Crossair schon einmal einen schweren Unfall verkraften. Nach dem Start in Zürich war eine zweimotorige Turbopropmaschine vom Typ Saab 340B auf dem Flug nach Dresden abgestürzt, alle sieben Passagiere und drei Besatzungsmitglieder starben.

Nach dem Absturz in Zürich hat die "Bürgerinitiative gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen" erneut die sofortige Schließung des Flughafens Tegel gefordert, da sich auch hier jederzeit ein solcher Unfall ereignen könne. Der Tagesspiegel beantwortet einige Fragen zum Absturz:

Ist der technische Zustand der Berliner Flughäfen vergleichbar mit Zürich?

Nein, die Landebahnen in Tegel und Schönefeld sowie die von Verkehrsflugzeugen genutzte Bahn des Flughafens Tempelhof verfügen durchgehend über Instrumentenlandesysteme (ILS). Die Hauptpisten in Schönefeld und Tegel sind für entsprechend ausgestattete Flugzeuge mit dafür geschulten Piloten nach der Kategorie III/b anfliegbar, das bedeutet, eine Landebahnsicht von nur 75 Metern und eine Wolkenuntergrenze von 0 bis 15 Metern reichen aus. Für den Flughafen Tempelhof gilt wegen der dichten Bebauung nur die Betriebsstufe I mit einer Mindestsicht von 550 Metern und einer Entscheidungshöhe von 60 Metern. Auch in Zürich gibt es die Kategorie III, doch die nachts genutzte Piste hat kein ILS, die Piloten können sich nur an Funkfeuern orientieren.

Funktioniert in Berlin das Landesystem auch bei dichtem Schneefall?

Ja, Regen- oder Schneefall haben auf die Funktion des ILS keinen Einfluss. Vor der Zulassung muss eine Anlage ihre Zuverlässigkeit 48 Wochen lang unter Beweis stellen, kommt es binnen 22 Monaten zu mehr als vier Störungen, wird sie zurückgestuft.

Wie wird in Berlin ein Pilot gewarnt, wenn seine Maschine zu tief fliegt?

Alle modernen Flugzeuge sind mit einem Bodenannäherungs-Warngerät ausgestattet, das ständig den Abstand misst und bei einer kritischen Annäherung ein Warnsignal gibt. Außerdem können die Fluglotsen auf ihren Bildschirmen mit Hilfe des Sekundärradars auch die Flughöhe ablesen und die Piloten warnen. Und schließlich gibt es in jedem Cockpit Höhenmesser. Zeigen die barometrischen Geräte bei einem eventuell falsch eingestellten Luftdruckwert unkorrekte Werte, liefert der Funkhöhenmesser in Bodennähe exakte Angaben.

Könnte dem Absturz ein Wartungsfehler in Berlin vorausgegangen sein?

Nein, denn die Unglücksmaschine wurde in Berlin nicht gewartet, diese Arbeiten finden in der Werft der Crossair statt. Bei einer Zwischenlandung wie auf dem Flug von Zürich nach Tegel und wieder zurück wird die Maschine, wenn kein Defekt aufgetreten ist, vor dem Start nur von einem Besatzungsmitglied visuell auf Beschädigungen an wichtigen Teilen wie Fahrgestell, Triebwerken und Tragflächen kontrolliert.

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