Berlin : Flugzeugunglück: Sportflieger stürzt in leer stehendes Haus

Jörn Hasselmann

Ein einmotoriges Sportflugzeug ist gestern Nachmittag beim Landeanflug auf den Flughafen Tempelhof gegen ein Haus geprallt und dann in einem Hinterhof an der Neuköllner Karl-Marx-Straße in Flammen aufgegangen. Die beiden Insassen der "Beechcraft 36" waren sofort tot. Die Trümmer der Maschine stürzten auf eine Laube, innerhalb von Sekunden stand die Unglücksstelle in Flammen. Bewohner kamen nicht zu Schaden, weil die Wohnungen in dem Altbau leer standen. Sekunden vor dem Absturz um 16.56 Uhr hatte der Pilot einen Motorschaden gemeldet. Polizeipräsident Saberschinksy sprach von "Glück im Unglück". Trotz des schönen Wetters hatte sich keiner der Anwohner im Hof befunden.

"Nicht vorstellbar, was passiert wäre, wenn die Maschine ins Vorderhaus an der Karl-Marx-Straße gestürzt wäre", sagte Saberschinsky gestern Abend. Wäre das Flugzeug nur 50 Meter früher abgestürzt, hätte sich auf der belebten Haupteinkaufsstraße des Bezirks eine Katastrophe ereignet. So prallte die Maschine etwa in Höhe des zweiten Stockwerkes in eine Brandwand eines Hinterhauses der Bornsdorfer Straße 37 und riss dort ein großes Loch. In der beschädigten Wohnung und in der Laube hielten sich zur Unglückszeit keine Personen auf. Die Flammen griffen dann von der Laube und dem Wrack auf die Wärmedämmung des fünfgeschossigen Hauses über, das Feuer konnte aber schnell gelöscht werden, die ebenfalls alarmierte Flughafenfeuerwehr, die mit ihren großen Spezialfahrzeugen heranraste, musste nicht mehr eingreifen. Zwei Polizisten und eine weitere Person, die nach dem Absturz den Altbau nach Opfern durchsucht hatten, mussten mit dem Verdacht auf Rauchvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden.

Das Viertel unter der Einflugschneise nach Tempelhof ist extrem dicht besiedelt. Der Bezirk Neukölln löste Katastrophenalarm aus. Die Mieter des beschädigten Hauses wurden evakuiert, über deren Zahl konnte die Polizei keine Angaben machen. Der Flughafen wurde nach dem Absturz nicht geschlossen, als die Trümmer im Hinterhof noch qualmten, schwebten weitere Maschinen im Landeanflug dicht über die Häuser der Karl-Marx-Straße hinweg.

Die Unglückssmaschine war am Mittwoch von Berlin an die Ostsee geflogen und an Himmelfahrt dann um 16.13 Uhr im Ostseebad Heringsdorf zum Rückflug gestartet. Wer die Toten waren, war bis zum späten Abend unklar, da die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Auch die Maschine war völlig zertrümmert und ausgeglüht.

Die Insassen hatten den Flug nach Sichtflugregeln von der Ostsee nach Berlin absolviert und deshalb keinen schriftlichen Flugplan abgegeben - dies ist erlaubt und gilt als üblich. In diesem Flugplan wäre jedoch der Name des Piloten und die Zahl der Passagiere vermerkt gewesen. Bis in den Abend hinein hielten sich deshalb Gerüchte, dass drei oder vier Personen an Bord waren. Die viersitzige Beechcraft mit der Kennung D-EEJS soll nach Angaben der Flughafenholding einem Berliner gehören.

Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte optimales Flugwetter. Der Himmel war wolkenlos, es wehte kaum Wind. Kurz vor dem Absturz hatte die Maschine den Kontrollpunkt "Echo" östlich des Flughafens überflogen. Danach meldete der Pilot "technische Probleme", der Fluglotse hörte noch eine kurze Gesprächsfetzen aus dem Cockpit mit. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Beechcraft in 300 Metern Höhe und war noch 900 Meter vom vorgeschriebenen Aufsetzpunkt der Landebahn entfernt. Die Fluglotsen sahen das Flugzeug schon mit bloßen Augen. Danach habe die Maschine weiter an Höhe verloren. Unmittelbar nach diesem Funkspruch alarmierte der Tower die Feuerwehr.

Die Feuerwehr war mit 100 Mann und 30 Fahrzeugen im Einsatz, da zunächst Unklarheit über die Größe des Flugzeuges geherrscht hatte. Die Polizei sperrte den Hinterhof in der Bornsdorfer Straße weiträumig ab, um die zahlreichen Schaulustigen fernzuhalten, Jugendliche aus der Nachbarschaft geleiteten Fotografen jedoch über Schleichwege in den unübersichtlichen und verbauten Innenhof zwischen den Häuserzeilen der Karl-Marx-Straße und der Bornsdorfer Straße. Zwischen den Hinterhäusern stehen dort auch einige Gartenlauben.

Beamte des Landeskriminalamtes und der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung nahmen die Ermittlungen auf. Aus der Tatsache, dass die Maschine in Höhe des zweiten Stocks gegen die Fensterlose Brandwand prallte, erkennen Experten, dass die Maschine nicht mehr gesegelt sein kann - wie nach einem reinen Motorausfall noch möglich. Im Gegenteil, die Beechcraft muss steil in den Hinterhof gestürzt sein.

Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen besuchte umgehend den Unfallort und sprach von einem "schlimmen Unfall". Er hoffe, dass alle Bewohner des Hauses unversehrt geblieben seien. Zu klären sei die Unfallursache und die Frage, warum der Pilot trotz gemeldeten Motorschadens weiterhin Tempelhof angeflogen habe. Nach Polizeiangaben ermittelt die Katastrophenschutzkommission der Polizei gemeinsam mit Feuerwehr, Staatsanwaltschaft und Flughafensicherheit.

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