Berlin : Flut mit Verspätung

Im Palast der Republik warten die Schlauchboote – der Boden des Teichs machte mehr Arbeit als geplant

Lothar Heinke

Heute Abend hat die wohl spektakulärste Inszenierung im „Volkspalast“-Programm Premiere: „Die Fassadenrepublik“ heißt eine Performance, für die sich das untere Foyer im Palast der Republik in einen See verwandelt. 300000 Liter Wasser fließen in das mit grünen Bahnen aus PVC-Teichfolie ausgelegte Untergeschoss. Gestern wollten die Veranstalter ihre 1200 Quadratmeter große Lagune mit einem geplanten Wasserstand von 25 Zentimetern den Medien vorführen, aber besondere Bauaufsichtsauflagen für das Verschweißen von Folien verzögerten die Bewässerung, die schließlich auf die Nachtstunden verschoben wurde.

Ab heute abend um 18 Uhr aber sollen sich dann 20 „Palast-Touristenboote“ – graue Schlauchboote für fünf Personen – durch die künstliche Wasserstadt bewegen, vorbei an allerlei bemalten Fassadenteilen, die von den asbestbereinigten Stahlträgern hängen. Auf einem dieser Bühnenbilder steht zum Beispiel „Joschka = Feigling“, „Guido ist schwul“, „Gerd ist doof“ und „Angie + Eddi“, in einem Herzchen vereint. Dazu weht eine kleine schwarz-rot-goldene Fahne.

Wer so etwas nicht besonders witzig findet, der kann von seinem Boot aus andere Bilder ordern, zum Beispiel Kaiser Franz Josef und Sissi als Werbeträger „Pro Schloss“. 70 Fassadenteile stehen und hängen zur Auswahl. Innerhalb der Wasserstadt kann man an einer Piazza, im Rotlichtbezirk oder beim Parlament aussteigen. Mitten im Wasser steht ein „Ahnenamt“ als „interaktive Installation“ eines Wohnzimmers; voller Krimskrams vom Flohmarkt, dazu gehört ein Sarg, der „als Boot aktiviert werden kann“, wie einer der Initiatoren in vollem Ernst verspricht.

Stadtführer begleiten die Bootsfahrten, die Gäste werden aufgefordert, die Prozesse in der Fassadenrepublik und das Aussehen der Stadt mitzugestalten. Sie können diskutieren, bis die Fassaden zusammenfallen – oder auch nicht. Das potemkinsche Palast-Dorf soll sich in seinen Strukturen laufend verändern – wie in einer real existierenden Stadt im richtigen Leben. Erfinder dieses aufwändigen, vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Projekts voller Fragezeichen sind junge Architekten von „Raumlabor“ und „Peanutz“. „Unsere Theorien beziehen wir aus einer Reihe designperformativer Arbeiten, bei denen wir die Methodik der Performance verwenden, um Dienstleistungsverhältnisse zu simulieren, welche uns den Prozess des Gestaltens sezieren und untersuchen lassen.“ Alles klar?

Premiere heute, 18 Uhr, weitere Aufführungen 4.-6. 9., 20 Uhr, 8.-9. 9., 10-14 Uhr, 10.-11. 9., 14-18 Uhr. Eintritt 8,-/5,- Euro.

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