Berlin : Föhnen statt fighten

Etwa 30 Geschäftsleute rund um die Oranienstraße haben beschlossen: Wir feiern am 1. Mai die Randale kaputt. Doch viele bleiben skeptisch

Katja Füchsel

Die Zeiger stehen auf kurz nach zwölf, tagein, tagaus. Am 1. Mai zerschlugen mal wieder Steine die Uhr an der Mariannen-Apotheke, da muss Hermann Rausch die Lust am Reparieren vergangen sein. Hält ja sowieso nie lange. Vor 17 Jahren hat er die Apotheke am Mariannenplatz eröffnet, bereits 17 Mal haben sich Demonstranten und Polizisten vor seiner Tür eine Schlacht geliefert. Rausch klagt nicht und scherzt selbst beim Scherben fegen. „Hier wird’s nie langweilig.“

Andere aber haben es dicke. Etwa 30 Kneipen und Restaurants rund um die Oranienstraße sollen dabei sein, wenn es am 1. Mai heißt: Wir schließen nicht. Wir feiern die Randale kaputt. Mit einem Friedensfest zwischen Kottbusser Tor, Oranien- und Mariannenplatz. Mit Polit-Punk, Feuerakrobatik, Irish-Scottish-Folk, Trommeln, Flamenco- Pop, Videoperformance, Deutschem Oipunk, Gassenhauern, Türkisch HipHop-Metal- Core, Tanztheater, Skate-Polit-Punk undsoweiterundsofort. Auch eine Möglichkeit: „Vor der Haarschlächterei können Sie sich vielleicht auch mal eine ausgefallene Frisur zurecht machen lassen.“ Föhnen statt fighten.

Dabei macht der Oranienplatz eine Woche vor der Traditions-Randale einen durchweg friedlichen Eindruck. Türkische Männer trinken Mokka auf dem Bürgersteig, Fahrradfahrer machen Pause und lesen in der Sonne Zeitung, auf dem Rasen spielen Kinder Fußball. Im vergangenen Jahr haben die Horden hier den Supermarkt geplündert, palettenweise Zigaretten und Schnaps rausgeschleppt, jetzt hängt ein Schild über dem Eingang: „Liebe Kunden, trotz Baustelle sind wir für Sie da.“ Die Frau im Naturkostladen schaut erstaunt. Friedensfest? „Das ist zu mir bislang noch nicht durchgedrungen.“

Die Öko-Geschäftsfrau jedenfalls bereitet sich auf einen „ganz normalen 1. Mai vor“: Erstmal die Schaufenster mit Holzplatten verrammeln, sich dann spät abends durch die Polizeikontrollen schlängeln, nachts vorm Radio und Fernsehen hoffen: Bitte, bitte, hoffentlich erwischt’s nicht meinen Laden! Dabei wäre es dieses Mal vielleicht viel sicherer, in der Nähe zu bleiben, bei Bier und Bratwurst zu relaxen. Das sagt jedenfalls Cornelia Reinauer, die PDS-Bezirksbürgermeisterin. „Je mehr Menschen am Abend des 1. Mai auf der Straße sind, desto eher bleiben die üblichen Krawalle aus.“

Bereits im vergangenen Jahr hatte FU-Professor Peter Grottian versucht, durch das Bündnis „Denk Mai neu“ die Krawalle zu verhindern und dem 1. Mai seine politische Bedeutung zurückzugeben. Damals erntete Grottian aber nur wenig Beifall bei allen Beteiligten: Die Polizei war skeptisch. Die linksradikale Szene nicht kooperativ. Und der Kiez empfand den Vorstoß eher als Einmischung von außen. Reinauer: „Deshalb wollen wir dieses Jahr das Fest mit Initiativen vor Ort organisieren.“

Nur dass es mit der Werbung im Kiez irgendwie zu hapern scheint, die Stichprobe fällt ernüchternd aus. „Davon habe ich noch nichts gehört“, sagt auch der junge Mann bei „Yes Electronic“. Andere Geschäftsleute schnaufen nur resignierend, fragen kurz: „Und das soll helfen?“ Skepsis dominiert auch im Café nebenan, zu oft haben Kellner und Kunden auf dem Platz schon Steine fliegen sehen. Während sie hier beim Milchkaffee in die Frühlingssonne blinzeln, sagt einer lachend: „Fünf Grad, Nieselregen, ein bisschen Hagel. Das würde am meisten bringen.“

Nur leider, leider, die Chancen auf einen Wintereinbruch stehen schlecht. Kultur gegen Krawall – dass das Konzept tatsächlich aufgeht, möchten selbst die Initiatoren nicht beschwören. „Für uns ist es auch erstmal nur ein Versuch“, heißt es bei der „IG Oranienstraße“. Vielleicht sollten sich die Neulinge Rat beim Zeitungsladen einholen, kurz vorm Oranienplatz. „Wir haben seit drei Jahren am 1. Mai geöffnet“, sagt die Verkäuferin strahlend, klopft aufs Holz und fügt hinzu: Probleme gab’s nie. Dafür ein gutes Geschäft. „An dem Tag wird sehr viel Bier verkauft.“

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