Berlin : Förderklassen in der Grundschule sollen auslaufen

Senator will Kleingruppen für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen abschaffen. Opposition und Lehrer sehen Gefahr für Spracherwerb

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will die Förderklassen für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen abschaffen. Die Förderklassen würden nicht mehr gebraucht, da es künftig vor der Einschulung einen verpflichtenden Sprachkurs und dann eine flexible Schuleingangsphase geben werde, sagte gestern seine Sprecherin zur Begründung. Die Opposition nennt die Entscheidung eine „Katastrophe“ und reine Sparmaßnahme.

Die Förderklassen sind teurer als Regelklassen, weil sie nicht aus 25, sondern nur aus 15 Kindern bestehen. Allein in diesem Schuljahr werden rund 4000 Kinder in Förderklassen unterrichtet, davon über 3300 an Grundschulen. Nach zwei Jahren werden die Klassen normalerweise aufgelöst oder mit weiteren Kindern „aufgefüllt“. Ausnahmsweise verlängert sich die Laufzeit auf drei Jahre, wenn die Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen.

„Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den Förderklassen gemacht“, berichtet Gerd-Jürgen Busack, langjähriger Leiter der Kreuzberger Nürtingen-Grundschule. Er und seine Kollegen hätten Böger gebeten, die Klassen beizubehalten. Dass sein Haus dennoch eine anderslautende Rechtsverordnung als Ergänzung zum neuen Schulgesetz plant, haben viele Schulen noch nicht erfahren. Auch Busack reagierte gestern überrascht auf die Nachricht und sieht die Entwicklung „mit Sorge“. Durch den neuen vorschulischen Sprachkurs und die flexible Eingangsphase lasse sich die Abschaffung der Förderklassen nicht kompensieren, befürchtet Busack.

Viele Schulleiter sehen die Gefahr, dass die Lehrer der ersten Klassen künftig überfordert sein werden. Denn ihre Schüler werden ab 2005 ein halbes Jahr jünger sein, weil sie bereits mit fünfeinhalb Jahren schulpflichtig werden. Zudem darf laut neuem Schulgesetz niemand mehr mangels Schulreife zurückgestellt werden. Auch dies bringt zusätzliche Schwierigkeiten für die Lehrer mit sich. Hinzu kommt, dass künftig auch alle Schüler mit Lernbehinderungen in die normalen Eingangsstufen eingeschult werden. Nur wenn sich herausstellt, dass sie hier überfordert sind, können sie ab Klasse 3 auf Schulen mit dem „Förderschwerpunkt Lernen“ umgeschult werden.

Viele Lehrer fragen sich, wie sie all diese Probleme lösen sollen. Sie halten die Ansprüche an die neue Eingangsstufe für völlig überfrachtet. Auch die Opposition reagiert ablehnend. „Die Abschaffung der Förderklassen ist eine Katastrophe“, meint der bildungspolitische CDU-Sprecher Gerhard Schmid, der auch leitender Schulrat von Friedrichshain-Kreuzberg ist. In Kreuzberg gebe es an fast jeder Grundschule Förderklassen – „weil sie für einen systematischen Spracherwerb gebraucht werden“.

Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen warnt vor einer „doppelten Kürzung“ bei der Sprachförderung. Denn die Grundschulen müssen künftig mit den Lehrerstellen, die sie für „Deutsch als Zweitsprache“ haben, nicht nur den Wegfall der Förderklassen ausgleichen, sondern auch die Vorschulsprachkurse bestreiten, die für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen Pflicht werden.

Beibehalten werden sollen die Förderklassen für Seiteneinsteiger, also etwa jugendliche Aussiedler oder nachziehende Verwandte, die nachträglich in die Schule eingegliedert werden müssen.

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