Berlin : Fogo

Frank Jansen

Es war vor ziemlich genau fünf Jahren, da hatte der drinking man auch diesen Rappel. Der Winter wich nur äußerst zäh, die nasskalte Stadt erschien unerträglich. Eine Gegenwelt musste her, die den Hunger nach Sommer, Sonne, Strand befriedigt. Hier und sofort und nicht erst in ein paar Flugstunden. Der Euphorieschub war überfällig, durch den Kopf ratterten alle paradiesisch klingenden Barnamen – dann zischte der drinking man ins Fogo. Das portugiesische (und damit auch brasilianische!) Wort für Feuer versprach irgendwie mehr als doofen Karibiknippes. Und es stimmte. Der Besuch im Fogo war finis frigidariusii. Und damit auch jetzt wieder von existenzieller Dringlichkeit.

Schon der erste Blick ins Fogo zeigt: Es klappt. So gut wie nichts hat sich geändert. Der Boden ist mit Sand bedeckt, das Publikum sitzt auf Biergartenbänken an Biergartentischen. Stopp. Der jetzt vielleicht bei einigen Lesern keimende Argwohn, das Fogo sei doch nur ein wenig origineller Ballermann-Ableger, ist vollkommen abwegig. Schon die Decke mit den unzähligen, mit den Blüten nach unten hängenden Schießbuden-Rosen und dann der prachtvoll kitschige Südsee-Tresen, mit Bastdach und Salzlampen und dem an einer Bambusstange hängenden, herzergreifenden Marien-Gemälde, zeugen von der typisch Kreuzberger Liebe zum trashigen Zitate-Sammelsurium. Dazu zählen im Fogo auch selbstgemalte Wandportraits von Che Guevara und Fidel Castro. Die kubanischen Superhelden blicken allerdings derart dämlich, dass man sich fragen muss, ob da nicht ein heimlicher CDU-Sympathisant gepinselt hat. Dem kreuzbergisch lärmenden Publikum war es egal. Außerdem lenkte schon die moussierende Musik, von Oriental House bis zu Schmusesound von Simon & Garfunkel und Marilyn Monroe, von tiefgründiger Betrachtung naiver Bilder ab. Und die Drinks erst recht.

Eine reizende, schwarzlockige Servierdame brachte einen Nina (Cachaça, Curaçao Rosso, Ananassaft, Orangensaft), der stark und fruchtig den mentalen Abflug in sommerliche Parallelwelten beschleunigte. Das Tempo erhöhte sich noch mit dem nächsten, blutroten Cocktail namens Tabu (Absinth, Batida de Café, Amaretto, Kirschsaft, Tonic). Wer weiß, wohin der drinking man gedriftet wäre, hätte er weiter geordert. Warum er beim Blick auf die Armbanduhr doch wieder einen Rückfall in preußische Pflichtversessenheit erlitt, ist intellektuell nicht darstellbar. Fogo perdu. Aber nur für diesen Abend.

Fogo, Arndtstraße 29, Kreuzberg, Tel.: 692 14 65, täglich ab 21 Uhr

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