Folge 10: Künstliches Kniegelenk : Scharnierwechsel

Im Alter hat sich das Kniegelenk oft abgenutzt. Wenn das Gehen zur Qual wird, kann eine Prothese die Lösung sein. Jetzt gibt es auch Spezialmodelle für Frauen.

Moritz Honert
Knie

Der Arzt fand deutliche Worte, um den Meniskus von Hartmut Barg zu beschreiben: Der scheibenförmige Gelenkknorpel in seinem linken Knie sehe aus, „wie ein bis auf die Felge abgefahrener Reifen“. Verschleiß. (s. nebenstehende, vergrößerbare Grafik).

Der 69-Jährige hatte schon ein paar Mal in seinem Leben Probleme mit dem Knie gehabt, gewandert ist er trotzdem immer gerne. Nach einer längeren Tour auf Mallorca im vergangenen Jahr jedoch schwoll sein Knie plötzlich stark an und schmerzte. Zurück in Deutschland wird Hartmut Barg untersucht. Der Arzt führt eine Gelenkspiegelung durch, entfernt einen Teil des abgeriebenen Meniskus, um die Schmerzen im Knie zu lindern. Doch bereits ein paar Monate später ist ein neuer Eingriff nötig. Barg wird eine Zyste – ein mit Flüssigkeit gefüllter Gewebehohlraum – aus dem Knie entfernt. „Da dachte ich, es ist endlich überstanden,“ sagt der Mann aus Lichterfelde. Doch auch die zweite Operation bringt nicht den erhofften Erfolg. „Schon kürzere Spaziergänge reichten, und die Probleme kamen zurück.“ Er selbst habe dann schließlich darauf gedrängt, es mit einem künstlichen Kniegelenk zu versuchen. „Denn dass man plötzlich nicht mehr laufen kann, macht einen regelrecht depressiv. Man fühlt sich hilflos.“

Auf den Rat seiner Frau, die Ärztin ist, entscheidet er sich für das Immanuel-Krankenhaus in Wannsee, wo der Eingriff minimalinvasiv erfolgt. Er bekommt sein künstliches Kniegelenk. Die ersten Tage danach seien nicht so angenehm gewesen, sagt er. Aber immerhin habe er schon am zweiten Tag stehen können. Heute, zwei Wochen später, ist auch Treppensteigen und Spazierengehen ohne Krücken möglich. Nur Fahrradfahren und auf einen Hocker steigen, das funktioniere noch nicht. Trotzdem: „Das Leben ist wieder schön“, sagt Hartmut Barg. „Wenn mein anderes Knie einmal kaputtgeht, würde ich nicht zögern, es austauschen zu lassen. Und zwar sofort.“

Lange Wartezeiten wären heute auch nicht mehr üblich, sagt Martin Sparmann, Chefarzt der Orthopädie im Immanuel Krankenhaus. Er hat Hartmut Barg operiert. „Früher hat man einen Eingriff so lange hinausgezögert, wie es ging, und danach jede größere Anstrengung verboten.“ Jetzt werde schneller operiert. Entscheidend sei die Lebensqualität des Patienten. Auch Bewegung sei deshalb nach dem Eingriff nicht mehr verboten. „Wenn die Prothese versagt, tauschen wir sie aus.“ In der Regel ist das alle 12 bis 15 Jahre notwendig – so lange hält ein Implantat im Schnitt. Was für ein Modell gewählt wird, hängt vom Patienten ab. Wer jung ist und auch nach der Operation viel Sport machen will, der braucht beispielsweise ein beweglicheres Implantat als eine Frau um die 75, der es genügt, wenn sie ohne Schmerzen zweimal am Tag mit dem Hund spazieren gehen kann. „Insgesamt gibt es 64 Wahlmöglichkeiten, was die Größe und Form der Prothese angeht“, sagt Martin Sparmann.

Seit kurzem, gibt es ein paar Optionen mehr. Ein amerikanischer Hersteller hat eine Knieprothese für Frauen entwickelt. Der erste Chirurg, der eine solche in Berlin einsetzte, war Heino Kienapfel, Professor für Orthopädische Chirurgie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Kienapfel hält das Produkt für eine gute Sache. Schließlich hätten Frauen eine andere Anatomie als Männer, auch im Knie.

„Viele Implantate, die derzeit benutzt werden, sind ein fauler Kompromiss“, meint Kienapfel. „Bis dato wurden alle Prothesen nach den Maßen von Männerknien gefertigt.“ Diese wären im Schnitt jedoch breiter und dicker als die von Frauen. Folglich würden die herkömmlichen Modelle Frauen oft nur bedingt passen. Bei manchen Patientinnen scheuern die Gelenkbänder deshalb an den zu breiten Prothesen und verursachen Schmerzen.

Warum es die Implantate erst jetzt gibt, habe einfache Gründe. „Erst vor fünf Jahren fing man damit an, die Zufriedenheit von Menschen mit künstlichen Gelenken systematischer zu untersuchen“, sagt Kienapfel. Das Ergebnis: 95 Prozent der Patienten mit Hüftprothesen gaben an, mit ihrem Implantat zufrieden zu sein. Bei Menschen mit künstlichen Kniegelenken hingegen waren es nur 80 Prozent. Auffällig war, dass sich Frauen deutlich häufiger unzufrieden mit ihren Implantaten zeigten als Männer. Andererseits erhalten Frauen viel häufiger ein künstliches Kniegelenk: Rund zwei Drittel der über 120 000 Kniegelenke, die jedes Jahr in Deutschland eingesetzt werden, gehen an Frauen. „Das liegt daran, dass Knieoperationen in der Regel aufgrund von Verschleiß des Knorpels notwendig werden“, sagt Kienapfel. Da Frauen im Schnitt älter werden als Männer, klagten sie häufiger über Abnutzungsprobleme. Außerdem haben Frauen ein breiteres Becken, weshalb sie öfter als Männer zu O-Beinen neigten. „Ebenfalls ein Grund für stärkeren Verschleiß.“

Wie so eine Abnutzung aussieht, zeigt Kienapfel später im OP-Saal. Auf dem Tisch liegt Wilma Hansen (Name geändert). Sie ist nur örtlich betäubt, auf ihren Ohren sitzt ein Kopfhörer. Von der Operation sieht sie nichts. Ein großes grünes Tuch, das die Stelle, an der der Körper aufgeschnitten wird, steril hält, versperrt ihr die Sicht. Um ihren Oberschenkel ist eine Manschette gebunden, die die Blutzufuhr in die untere Beinhälfte verhindert, damit dort übersichtlicher gearbeitet werden kann.

Mit einem etwa zwölf Zentimeter langen Schnitt öffnet Kienapfel das Bein neben der Kniescheibe. Als er diese beiseite schiebt und das Knie beugt, sind die Probleme deutlich sichtbar: hell und schillernd wie Perlmutt leuchten die abgenutzten Stellen, die es zu entfernen gilt. Dafür befestigt Kienapfel Metallschablonen an den Knochen. Durch diese hindurch bohrt er Löcher, in denen später das Implantat befestigt wird, und sägt den Knochen in die neue Passform. Die Schablone sorgt dafür, dass die Instrumente nicht verrutschen und die Winkel exakt stimmen. Sonst passt die Prothese später nicht.

Sitz, Größe und Stabilität der Prothese prüft der Arzt zunächst mit einem Testimplantat. Dann folgt nach der gleichen Methode das Schienbein.

Das endgültige Kunstgelenk, das aus einer Komponente für den Oberschenkel und einer für den Unterschenkel sowie einer bei Bedarf einzusetzenden Kniescheibe besteht, wird mit einem Metalldorn und schnellaushärtendem Kunststoffkleber in den Knochen verankert.

Kienapfel überprüft zum Schluss noch einmal die Funktion des Kunstknies. Er ist zufrieden. Das Bein wird wieder gestreckt und die Wunden dann genäht. Die Operation hat etwa eine Stunde gedauert. Bereits am nächsten Tag macht Wilma Hansen die ersten Schritte ohne Krücken.

Weltweit wurden bereits mehr als 14 000 dieser Spezialimplantate für Frauen eingesetzt. Eine Revolution scheint hierzulande zumindest auf kurze Sicht jedoch nicht ins Haus zu stehen. Bei AAP, Berlins größtem Implantatehersteller, plant man keine speziellen Kniegelenksprothesen für Frauen. „Wir glauben nicht, dass da eine zwingenden Notwendigkeit besteht“, erklärt der Entwicklungsleiter des Unternehmens, Hans-Joachim Fischer.

In Berlin arbeiten neben dem Vivantes-Klinikum auch erst die Charité und das Waldkrankenhaus Spandau mit den neuen Implantaten, im Umland noch die Sana Kliniken in Sommerfeld.

In keinem der Häuser wurden die herkömmlichen Implantate jedoch komplett abgeschafft. Das wäre auch unsinnig, sagt Wolfgang Noack, Chefarzt der Orthopädie am Waldkrankenhaus Spandau. Denn obwohl die neuen Implantate für 10 bis 20 Prozent der Patientinnen sicher sinnvoll seien, komme die Mehrheit mit den alten Prothesen gut zurecht.

Auch Hartmut Barg kommt mit seinem neuen Knie gut klar. So gut, dass er bereits seine nächsten Wanderungen plant. Im Herbst soll es nach Südfrankreich gehen, im Winter noch einmal nach Mallorca.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar