Folge 6: Herzkatheter : Zu Herzen gegangen

Mit dünnen Kathetern, winzigen Ballons und Maschendrahtröhrchen kann Infarktpatienten geholfen werden – wenn sie rechtzeitig den Notarzt verständigen.

Ingo Bach

Herta Girod kann sich an jedes Datum genau erinnern. „Das erste Mal, 1991, da haben sie mir eine verengte Stelle in einer Ader am Herzen aufgemacht. Und dann zwei Jahre später, die Nachuntersuchung. 1996 habe ich meinen ersten Stent gekriegt, 2001 musste wieder gedehnt werden ...“ Der 74-jährigen Frau aus Neukölln wurde schon neunmal ein Katheter bis ans Herz geschoben.

Bei jedem Eingriff hat sie die gleichen Erfahrungen gemacht. Dass der Katheter, jener zwei, drei Millimeter starke und 1,50 Meter lange blaue Plastikschlauch, durch ein Gefäß in der Leistenbeuge bis ins Herz vorgeschoben wird. Dass der Einstich ein bisschen wehtut, sie aber von dem Weg des Führungsdrahtes durch ihren Körper nichts spürt. Und dass das Kontrastmittel, das man ihr über den Schlauch in die Blutbahnen spritzt, um die Adern auf dem Röntgenschirm sichtbar zu machen, ein wenig brennt. Sie weiß auch, dass sie nach der Untersuchung für einen Tag einen Druckverband am Oberschenkel tragen muss, damit das verletzte Gefäß nicht nachblutet.

Doch an diesem Sonnabend, als sie zum zehnten Mal im Katheterlabor ist, dieses Mal im Vivantes-Klinikum am Urban, hat sie Angst. Herta Girod liegt auf dem Operationstisch. Ihre silbrig-blonden Haare sind ordentlich in Wellen gelegt, die Fingernägel golden lackiert. Über der Brust von Herta Girod steht der bewegliche Röntgenkopf des Katheter-Platzes. Er ist so groß wie ein Fünf-Liter-Fässchen. Mit diesem Gerät wird der Arzt ihren Körper von allen Seiten durchleuchten. Über der Liege hängen drei große Monitore: Einer ist für die Röntgenbilder. Über den anderen flimmern Herzschlagkurven und auf dem dritten blinken Zahlenreihen.

Stefan Hoffmann, der leitende Oberarzt der Kardiologie, hält beruhigend Herta Girods Hand. Sie ist heute zu ihm ins Krankenhaus gekommen ist, weil sie keine zehn Schritte mehr laufen kann, ohne sofort außer Puste zu sein.

Herta Girod hat Angst, dass etwas mit ihrem Herzen nicht stimmt. Noch mehr aber fürchtet sie sich, weil der Doktor diesmal den Katheterzugang über den Unterarm legen will und nicht wie die meisten seiner Kollegen über die großen Gefäße in der Leistenbeuge. „Sie können dann sofort wieder aufstehen und herumlaufen“, sagt Stefan Hoffmann. Inzwischen verfügt die Abteilung von Chefarzt Dietrich Andresen über die Ergebnisse einer Studie, die den Nutzen dieses Katheterzugangs beweisen: „Die Blutungskomplikationen an der Einstichstelle sind wesentlich geringer“, sagt Hoffmann.

Schon zehn Minuten später hat Herta Girod es überstanden. Ein paar Mal ließ Hoffmann ihre Herzkranzgefäße auf dem Bildschirm kurz aufscheinen, indem er ein Kontrastmittel einspritzte, das die Röntgenstrahlen absorbiert. Auf dem grauen Monitor ist dann für Sekunden ein dunkles Geflecht aus Adern und Äderchen sichtbar, die den Herzmuskel umgeben. Das Herz selbst bleibt unsichtbar. Die Gefäße zeigen keine Verengung: „Alles in Ordnung, Frau Girod.“

So ein Katheter ist Hochtechnologie zur Diagnose und Therapie von Durchblutungsstörungen, die ihren Preise hat: eine halbe Million Euro, oft auch mehr. Hoffmann findet, dass das nicht zu teuer ist. „Mit dieser Technik kann ein Arzt sehr unmittelbar Leben retten.“ Wenn der Patient nicht zu spät kommt. Es passiert nicht selten, dass die Betroffenen zu lange warten, bevor sie den Notarzt rufen. Sie ignorieren die Schmerzen im Brustkorb, die Atemnot, den Schwindel. Wird schon wieder vorbeigehen, denken sie. Aber es geht nicht vorbei – es wird von Minute zu Minute gefährlicher. „Eine Stunde nach den ersten Symptomen ist ein Fünftel der Betroffenen tot.“

Während Hoffmann das sagt, bereitet sich zwölf Kilometer vom Kreuzberger Urban-Krankenhaus entfernt Oberarzt Michael Gross im Helios-Klinikum Buch auf einen solchen Notfall vor. Sein Patient – Horst Schmitt (Name geändert), 78 Jahre alt, aus Pankow, akuter Herzinfarkt – wurde mit Herzinfarkt-Verdacht von der Rettungsstelle ins Katheterlabor gebracht. Ein schmuckloser Bau am Rand des weitläufigen Klinikareals. Ab Juli wird sich auch diese Abteilung in dem Neubau in Buch befinden, das der Helios-Konzern kürzlich errichtet hat.

Ein blaues Tuch bedeckt Horst Schmitts Körper. Nur der Kopf, die Arme und das rechte Bein ragen hervor. Er hat Morphium bekommen, der starken Brustschmerzen wegen. Der leitende Oberarzt hat einen schwierigen Fall vor sich. Am Ende wird Schmitt über zwei Stunden hier gelegen haben, während der Arzt mit Drähten, Kanülen und kleinen Ballons in seinem Herzen hantierte. Für Patient und Arzt ist es eine Tortur. Manchmal stöhnt Herr Schmitt leise, vor allem wegen der unnatürlichen Körperhaltung. Der Doktor bittet ihn, seine Arme über dem Kopf zu halten, damit das Röntgenbild des Brustkorbes klar bleibt.

Oberarzt Gross steuert den Katheter behutsam von der Leiste bis ins Herz. Der großgewachsene schlanke Mann hat eine schwere Bleischürze übergezogen, die ihn vor den Röntgenstrahlen schützen soll. Immer wieder blickt er auf den Bildschirm, steuert mit einem Fußpedal den Röntgenkopf um die Brust seines Patienten herum. So kann er den Weg des Führungsdrahtes im Körper verfolgen.

Immer und immer wieder spritzt Gross später ein Kontrastmittel durch die Kanüle, das die Herzgefäße auf dem Röntgenmonitor sichtbar macht. Nur in diesem kurzen Augenblick sind die zahlreichen Einschnürungen in Schmitts Gefäßen zu erkennen. Dorthin muss Gross den Katheter führen, an dessen Spitze der kleine Ballon sitzt und darauf wiederum der Stent – ein wenige Millimeter dickes, rundes Stück Metallstück, das einer Rolle Maschendrahtzaun ähnelt, und das die Engstelle offen halten soll. Denn diese Verengungen erhöhen das Infarktrisiko, wenn sich dort plötzlich ein Klümpchen Blutplättchen verfängt.

Horst Schmitt hat Glück gehabt, obwohl er trotz der heftigen Schmerzen viel zu lange gezögert hat, bis er ins Krankenhaus gekommen war – vier Stunden, nachdem um 7 Uhr morgens die Beschwerden begonnen hatten. Die ersten zwei Stunden nach einem Infarkt sind die entscheidenden. „Sein Herzmuskel hat zwar was abbekommen,“ sagt Oberarzt Gross. „Aber für die Aktivitäten eines 78-Jährigen wird dessen Leistungskraft noch ausreichend sein.“ Ingo Bach

Herzkatheder
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