Folge 7: Gallenblasenentfernung : Kleine Schnitte, große Erleichterung

Übelkeit, Krämpfe, Fettunverträglichkeit: Oft sind Gallensteine die Ursache. Nur die komplette Entfernung der Gallenblase schafft Abhilfe, sagen Ärzte.

Moritz Honert
Gallenblase

Anderthalb Jahre Schmerz liegen hinter Jasmin Schumann (Name geändert). Achtzehn Monate lang erwachte sie jeden Morgen mit Übelkeit und litt unter Magenkrämpfen. „Eine schreckliche Zeit“, sagt die 61-Jährige mit dem freundlichen runden Gesicht unter den kurzen dunklen Haaren. „Aufstehen tat weh, Sitzen tat weh, Durchatmen tat weh.“

Dabei hätte ihr schnell geholfen werden können. Ihr Hausarzt hatte schnell den richtigen Verdacht: Gallensteine (s. nebenstehende, vergrößerbare Grafik). Mehrere Ultraschalluntersuchungen, mit denen diese entdeckt werden können, lieferten jedoch keinen Befund. Die Lage besserte sich nicht. Jasmin Schumann litt weiter.

„Irgendwann bemerkte ich, dass die Krämpfe sich immer dann einstellten, wenn ich bestimmte Dinge aß“, erzählt sie. Fett vertrug sie nicht, genauso wenig Zwiebeln. Auch Steinobst und Eis bestrafte der Köper umgehend mit Krämpfen – wieder ein Hinweis auf Gallensteine. Der Hausarzt schickte Schumann daraufhin ins Krankenhaus, wo die leistungsfähigeren Ultraschallgeräte schließlich seinen ersten Verdacht bestätigten.

Jetzt sitzt Jasmin Schumann in einem gelben Bademantel auf ihrem Krankenbett im DRK-Klinikum Köpenick. Vor drei Tagen wurde ihre Gallenblase samt Steinen entfernt. Geblieben sind vier kleine Narben und eine große Erleichterung. Sie strahlt. „Ich fühle mich wie der Wolf aus dem Märchen, nachdem man Rotkäppchen aus seinem Bauch befreit hat“, sagt sie und lacht. Ihre Sachen sind schon gepackt. In ein paar Stunden kann sie das Krankenhaus verlassen. Der Eingriff verlief ohne Probleme.

„Die Entfernung der Gallenblase ist eine Standardoperation“, sagt Matthias Pross, Chef der Chirurgischen Abteilung der Köpenicker Klinik. „Allein in Berlin finden jedes Jahr etwa 7000 statt“, erzählt er auf dem Weg über die linoleumgefliesten Flure in den Operationssaal, wo eine weitere Patientin auf eine Gallenblasenentfernung vorbereitet wird. „Das Problem betrifft zu 70 Prozent Frauen“, sagt Pross. Warum, wissen die Mediziner nicht mit Bestimmtheit, doch weibliche Geschlechtshormone und mehrere Schwangerschaften scheinen das Risiko zu erhöhen. Ebenso die Haarfarbe blond.

Die Patientin im Operationssaal ist vorbereitet: Das Chirurgen-Team hat vier drei bis zehn Millimeter lange Schnitte in die Bauchdecke gesetzt. Durch sie werden die langstieligen Instrumente und eine Kamera in den Körper eingeführt. „Wir operieren minimalinvasiv“, sagt Pross. Also durchs Schlüsselloch. Um im Inneren Platz für die Instrumente zu schaffen, wird der Bauch mit Kohlendioxid wie ein Luftballon aufgepumpt. Bis zu 30 Liter Gas werden bei so einem Eingriff benötigt.

Wegen der kleinen Wunden gilt diese Art von Eingriff als schonender für die Patienten. Außerdem können die meisten bereits nach zwei bis drei Tagen wieder nach Hause. Bei einem klassischen Eingriff, bei dem der Bauch aufgeschnitten wurde, dauerte der Krankenhausaufenthalt rund zwei Wochen. Die „Schlüssellochoperation“ ist seit 1991 Standard bei Gallenblasenentfernungen.

Während der Operation orientiert sich der Chirurg an den Kamerabildern aus dem Inneren des Körpers, die über Monitore flimmern. Dort ist gerade zu sehen, wie das Fettgewebe entfernt wird, das mit der gelblichen Gallenblase verwachsen ist. „Ein Hinweis darauf, dass es bereits zu einer Entzündung gekommen ist“, sagt Pross. Im Hintergrund leuchtet auf den Bildschirmen dunkelrot die Leber. Nun trennen die Ärzte die Verbindung der Gallenblase zum Gallengang. Diese wird erst mittels zwei kleiner Klammern abgeschnürt, dann zerteilt. Rund 45 Minuten dauert es, bis die Gallenblase komplett gelöst wurde. Durch einen zwei Zentimeter langen Schnitt über dem Bauchnabel ziehen die Ärzte das etwa faustgroße, birnenförmige Organ schließlich heraus. Im Inneren finden sie einen taubeneigroßen grauen Stein. Er sieht aus, als hätte er lange im Meer gelegen.

„Die Entfernung der kompletten Gallenblase ist die einzige Möglichkeit, die Steine in den Griff zu bekommen und zu verhindern, dass sich neue bilden“, sagt Pross. Vor fünfzig Jahren habe man noch die Gallenblase aufgeschnitten und nur die Steine entfernt. Die Nähte seien jedoch stets schlecht verheilt. Auch andere Behandlungsmethoden schieden aus. „Vor zehn, fünfzehn Jahren hat man Gallensteine mitunter noch mit Schallwellen zerstört.“ Dabei sei es oft zu Komplikationen gekommen, da die kleinen Trümmer den Gallengang verstopfen könnten, weshalb diese Methode kaum noch angewandt wird. Und cholesterinsenkende Medikamente hätten bei Gallensteinen nur prophylaktischen Nutzen.

Trotzdem werde nicht sofort nach einem positiven Befund operiert. Denn viele Menschen mit Gallensteinen verspüren ihr Leben lang keine Beschwerden. „Manchmal ist es deshalb besser, mit einer Operation zu warten, bis die Patienten erste Anzeichen von Problemen zeigen“, sagt Pross.

Jasmin Schumann ist froh, dass ihre Probleme hinter ihr liegen. In sechs Tagen werden ihr die Fäden gezogen. Zurück in die Klink muss sie dafür jedoch nicht, das schafft ihr Hausarzt. Ob sie sich freut, nun wieder essen zu können, was sie will? „Ja, klar.“ Doch über die Stränge schlagen will sie nicht. Eigentlich träume sie nur von einem großen Teller Hühnersuppe, gesteht sie.

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