Folge 8: Bandscheibenvorfall : Leck im Stoßdämpfer

Schmerzen beim Heben, Laufen und Sitzen: ein Bandscheibenvorfall. Oft kann Physiotherapie helfen. Aber kommen Lähmungen hinzu, muss operiert werden.

Moritz Honert
Bandscheiben

Johanna Freese (Name geändert) hat Tränen in den Augen. Doch Schuld ist nicht die blendende Mittagssonne, hoch oben auf der Terrasse im fünften Stock des Wilmersdorfer St.-Gertrauden-Krankenhauses. Es ist ihre Nervosität. Immer wieder tupft sie sich mit einem Taschentuch die Augenwinkel, wenn sie daran denkt, was ihr bevorsteht. In knapp zwei Stunden wird die 39-Jährige mit dem weichen freundlichen Gesicht an der Bandscheibe operiert (s. nebenstehende, vergrößerbare Grafik). „Das Warten ist schlimm“, sagt die Neuköllnerin. „Ich gucke dauernd auf die Uhr, noch zwei Stunden, noch eine Stunde…“

Es ist bereits ihre zweite Bandscheibenoperation. Die erste bekam Freese, nachdem sie im Jahr 2000 bei einem Umzug mit anpackte und plötzlich furchtbare Schmerzen durch ihren Rücken jagten. Doch anders als bei einem Hexenschuss verschwanden diese nicht. Vier Jahre lang zog sie von Orthopäde zu Orthopäde. Dort bekam sie jedoch immer nur Spritzen gegen die Schmerzen. „Ich hatte mich schon fast mit meinem Zustand abgefunden“, sagt sie. Abgefunden damit, dass sie nicht mehr mit den Rollerblades oder dem Fahrrad fahren, nicht mehr die Fenster putzen und nicht mehr die Einkaufstüten tragen konnte. „Aber eigentlich war das gar kein Leben mehr“, sagt sie heute.

Als die Schmerzen eines Tages wieder einmal unerträglich wurden, suchte sie sich im Telefonbuch einfach den nächstbesten Arzt, der sie am Mittwochnachmittag empfing – und hatte Glück. Der Arzt vermutete einen Bandscheibenvorfall und schickte sie zur Computertomografie. Der Verdacht bestätigte sich. Ein Teil des Bandscheibenkerns hatte sich durch ein Loch in den ihn umgebenden spröde gewordenen Faserring gedrückt und quetschte einen Nerv. Johanna Freese wurde operiert. Drei Tage später stand sie wieder auf den Beinen. Doch die Operation war nicht erfolgreich. Die Schmerzen blieben. Und nicht nur das, nach einer Weile fühlte sich auch ihr rechter Oberschenkel gelegentlich taub an, zuletzt dauerhaft.

„Die Taubheit ist ein bekanntes Symptom bei Bandscheibenvorfällen“, sagt Siegfried Vogel, Chefarzt für Neurochirurgie am St.-Gertrauden-Krankenhaus, als er sich im Operationssaal über Johanna Freese beugt. „Auch das ist ein Resultat des eingeklemmten Nervs. In schlimmen Fällen kann es sogar zu Lähmungen kommen, und je nach dem, welcher Nerv getroffen wird, auch zu Inkontinenz oder bei Männern zu Impotenz.“

Dass seine Patientin nicht früher zur Computertomografie geschickt wurde, liege daran, dass bei vielen Ärzten das Budget für die teure Untersuchung nicht zur Verfügung stehe.

Johanna Freese liegt bäuchlings auf dem OP-Tisch - narkotisiert. In ihren Rücken hat Vogel einen etwa dreißig Millimeter langen Schnitt gesetzt. Vor dem Gesicht des Chirurgen hängt an einem Schwenkarm ein Mikroskop, mit dem er den zu behandelnden Bereich in zehnfacher Vergrößerung und dreidimensional sehen kann. Die anderen Mitglieder des OP-Teams können die Operation auf einem Monitor verfolgen. Eine Stereoanlage spielt Musik von Telemann.

„Dass so viele Menschen an Rückenproblemen leiden, liegt in der Evolution begründet“, erzählt Vogel. „Unsere Wirbelsäule ist ursprünglich nicht für den Gang auf zwei Beinen konstruiert. Außerdem wird der Mensch in immer kürzeren Zeitabständen immer größer.“ Eine zusätzliche Belastung.

Solange die Rückenmuskulatur gut funktioniert, entstehen in der Regel keine Probleme. Diese treten erst auf, wenn die Muskulatur nicht trainiert wird. Dann kommt es zu einem Haltungsverfall – die Krümmung des Rückgrates verschiebt sich. Dadurch vergrößert sich auf den Bandscheiben, die als Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbeln liegen, die Fläche, die belastet wird. Bei einer gesunden Wirbelsäule verteilt sich der Druck auf eine Fläche von zwei Millimetern Durchmesser. Ändert ein Mensch seine Haltung, wandert die Belastung auf der Oberfläche der Bandscheibe – die vormals beanspruchte Stelle kann sich erholen. „Bei einem Haltungsverfall jedoch wächst die belastete Fläche auf jeder Bandscheibe bis zu zwanzig Millimeter an“, sagt Vogel, die Augen nahe am Mikroskop. „Dadurch sind einzelne Stellen der Bandscheiben permanent belastet, die Abnutzung ist so größer.“ Wird sie über längere Zeit zu stark beansprucht, wird der Ring spröde und kann zerreißen. Dann kann der gallertartige Kern austreten und einen Nerv einquetschen, der parallel zur Bandscheibe verläuft. „Prolaps“ sagen die Ärzte dazu. In neunzig Prozent der Fälle passiert so was im Bereich der Lendenwirbel, was als „lumbaler Bandscheibenvorfall“ bezeichnet wird. Genau das ist bei Johanna Freese geschehen.

Nach einer dreiviertel Stunde ist Vogel sechs Zentimeter tief bis zur Wirbelsäule vorgedrungen. Die Operation ist nicht leicht, weil Narbengewebe, das sich nach dem ersten Eingriff gebildet hat, immer wieder die Arbeit behindert. Ständig gilt es, kleine Blutungen zu stillen. Vogel muss vorsichtig sein. Wenn er Nerven verletzt, könnte er Fuß- und Kniegelenkmuskeln oder Unter- und Oberschenkel lähmen.

Dann ist die Bandscheibe zu sehen. Genauer gesagt der Teil des Kerns, der schon zum zweiten Mal durch den faserigen Ring gestoßen ist und auf einen Nerv drückt. Bei Johanna Freese misst er etwa acht Millimeter im Durchmesser. Auf dem Monitor erscheint er als kreisrunder weißlicher Fleck. Mit einer Miniaturzange macht sich Vogel dann daran, diesen zu entfernen. Ein paar Minuten später landet ein gezackter wenige Millimeter kleiner Gewebesplitter in einem Plastikschälchen neben dem OP-Tisch.

Die Operation, die an Johanna Freese vorgenommen wird, nennt sich mikrochirurgische Nucleotomie. Mit 80 Prozent Anteil ist sie der Eingriff, der bei Bandscheibenvorfällen am häufigsten angewandt wird. Weil durch das Entfernen des ausgetretenen Gewebes der Druck auf den Nerv genommen wird, verschwinden für den Patienten auch die Probleme.

Das Loch im Ring verschließen die Ärzte nicht. Wieso, erklärt Karin Büttner-Janz, Chefärztin am Vivantes-Klinikum im Friedrichshain. „In dieser Körperregion herrschen aufgrund der starken Belastung so große Kräfte, dass bei dem Einbringen von Ersatzmaterial in den Faserring die Gefahr besteht, dass dieses defekt wird und selbst Probleme verursacht.“ Zwar gebe es vereinzelte Experimente, den Ring künstlich zu verschließen. Diese Modellversuche befänden sich aber erst im Anfangsstadium.

Die Ärzte vertrauen deshalb nach der Operation auf die Selbstheilung des Körpers. Nach sechs bis zwölf Wochen eingeschränkter Belastung sei die Öffnung vernarbt und dadurch wieder dicht. Bis zu 15 Prozent der Patienten bräuchten nach rund sechs Monaten jedoch eine Stabilisierungsoperation, weil die Bandscheibe durch die Entfernung des Kerns instabil geworden ist. Ärzte haben dann zwei Möglichkeiten: Entweder sie setzen eine künstliche Bandscheibe ein, wenn der Knochen stabil genug ist, oder sie implantieren ein mit Knochenmaterial aus dem Becken gefülltes Metallpaket in den Ring, dass den Kern ersetzt.

Johanna Freese zählt zu den acht Prozent der Operierten. bei denen nach einigen Jahren eine erneute Nucleotomie nötig wird. „Das ist mitunter eine Schicksalsfrage, ob es einen trifft“, sagt Büttner-Janz. Doch viel hänge dabei auch von der Erfahrung des Arztes ab. Entfernt er zu wenig von dem Bandscheibenkern, kann es zu einem erneuten Bandscheibenvorfall kommen. Entfernt er zu viel, wächst die Gefahr, dass die Bandscheibe instabil wird und eine stabilisierende Operation notwendig wird. Das entfernte Bandscheibenmaterial grundsätzlich mit einem künstlichen Kern aus Silikon, anderen Kunststoffen oder Metallkonstruktionen zu ersetzen, hält Büttner-Janz für nicht angebracht. „Einige dieser Operationen bergen ein hohes Risiko, weil sie von vorne durch den Bauch durchgeführt werden müssen, wobei die Aorta beschädigt werden kann. Diese Eingriffe verlangen viel Know-How und sollten erst dann durchgeführt werden, wenn der Patient wegen starker Schmerzen nicht zurecht kommt. Es muss sich erst zeigen, welche Lösungen sich dauerhaft als sinnvoll erweisen.“

Siegfried Vogel erwartet, dass bei Johanna Freese in Zukunft keine weiteren Eingriffe nötig sind, als er nach einer Stunde die letzten Nähte an der Rückenwunde zuzieht. Die Patientin wird zurück auf den Rücken gedreht, zwei Minuten später wird sie aus der Betäubung geholt. Noch im Operationssaal wacht sie auf.

Fünf Tage später ist Johanna Freese wieder erleichtert zu Hause. Das Bein ziepe noch ein bisschen, der Schmerz im Rücken jedoch sei fast weg. „Es ist, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Kein Vergleich zur ersten Operation.“ Wirklich entspannen kann sie trotzdem noch nicht. „Ich darf sechs Wochen lang nicht sitzen, nur liegen oder stehen. Da bekommt man natürlich Muskelkater.“

In zwei Wochen beginnt ihre Reha. Bis dahin will sie es jedoch langsam angehen lassen. „Beim letzten Mal habe ich mich zu schnell überfordert“, sagt sie. Das will sie dieses Mal vermeiden. Lust auf eine dritte Operation verspürt sie nicht. Das würden ihre Nerven nicht mitmachen.

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