Folge 9: Kataraktoperationen : Blick durch den Nebel

Ab dem 65. Lebensjahr trübt sich das Auge ein. Ärzte nennen das Katarakt. Wenn der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist, muss die Linse ausgetauscht werden

Ingo Bach
Auge

Graue Haare, graue Linse. Auf diese einfache Formel bringt Ulrich Dietze, Ärztlicher Direktor der Augenklinik Berlin-Marzahn, das, was Menschen im Alter erwartet. Fast jeder Mensch jenseits der 65 leide irgendwann an der Katarakt, einer altersbedingten Eintrübung der Augenlinse, die man auch Grauer Star nennt (s. nebenstehende, vergrößerbare Grafik).

Die Krankheit ergreift schleichend Besitz vom Gesichtssinn. Im Frühstadium bemerken die Betroffenen oft, dass zunächst Farben und Kontraste verblassen. Manche werden dabei auch ungewohnt blendempfindlich. Später nehmen sie die Welt nur noch verschwommen wie durch Nebel oder eine Milchglasscheibe wahr.

Die Therapie bedeutet in diesem Falle: Austausch der getrübten natürlichen Linse durch eine aus Kunststoff. In der Bundesrepublik werden Jahr für Jahr über eine halbe Million Augen so operiert. Und das immer öfter auch ambulant. Der Patient kommt kurz vor dem Eingriff, wird operiert und nach ein paar Stunden wieder nach Hause geschickt. Dem voraus geht eine Voruntersuchung und das Aufklärungsgespräch. Ihm folgt eine Nachuntersuchung wenige Tage nach der Operation.

Auch in der Augenklinik Berlin erledigen die Mediziner von den Eingriffen immer mehr ambulant. Derzeit jährlich 1400 mal – gegenüber rund 1800, die mit einem Krankenhausaufenthalt von zwei bis vier Tagen verbunden sind. Denn ganz verzichtbar sind die stationären Katarakt-Operationen nicht. Sehr alte oder an weiteren Erkrankungen leidende Menschen könne man aus medizinischen Gründen nicht sofort wieder nach Hause schicken, heißt es aus der Augenklinik. Deshalb akzeptierten die Krankenkassen hier die (teurere) stationäre Behandlung.

Auch in der Schlossparkklinik in Charlottenburg wird neben den ambulanten Kataraktoperationen der Graue Star auch stationär behandelt. Dafür gebe es klar definierte Voraussetzungen, sagt Carl Erb, Chefarzt der Augenabteilung in der Klinik: Schwere Nebenerkrankungen zum Beispiel. Und wenn jemand bereits ein Auge verloren habe, sei es unverantwortlich, das verbliebene wegen der Katarakt ambulant zu operieren. „Das machen wir dann unter Vollnarkose, um das Verletzungsrisiko – zum Beispiel durch plötzliches Hochschrecken – zu minimieren.“ Normalerweise wird der Eingriff bei betäubtem Auge, aber bei vollem Bewusstsein des Patienten durchgeführt.

Wie jede Operation ist eben auch die Katarakt-OP ein Risiko. Deshalb könne er Kollegen auch nicht verstehen, die diesen Eingriff als fast risikofreie Routine darstellten, nur um mehr operieren zu können, sagt Chefarzt Erb. „Die Komplikationsgefahren reichen von einer Infektion bis hin zu einer Netzhautablösung, und das heißt letztlich Erblindung.“

Deshalb sollte ein Eingriff überhaupt nur dann durchgeführt werden, wenn es medizinisch unvermeidlich ist. „Eigentlich ist das erst nötig bei einer Sehkraft von unter 50 Prozent.“ Die natürliche Linse sei nun mal immer noch die bessere Linse, auch wenn sie sich etwas eingetrübt habe.

Und selbst das müsse kein unabwendbares Schicksal sein. Denn die Regel „Graue Haare, graue Linse“ gelte nicht für alle, davon ist Erb überzeugt. Man könne der Katarakt vorbeugen. Nicht rauchen zum Beispiel. „Studien belegen, dass das Rauchen den größten Einfluss auf die Entstehung des Grauen Stars hat.“ Auch Diabetiker trügen ein höheres Risiko, daran zu erkranken, vor allem wenn ihr Insulinspiegel schlecht eingestellt sei.

Ist der Alltag wegen der Sehbeeinträchtigungen nicht mehr zu bewältigen, dann hilft nur noch das Messer, um das Augenlicht zu bewahren oder wiederherzustellen. Rund die Hälfte der über 3200 Katarakt-Operationen an der Augenklinik Marzahn macht Chefarzt Dietze selbst, so wie heute. Der 60-Jährige sitzt am Kopfende des Operationstisches, den Blick in ein Mikroskop gerichtet, unter dem er seine 78-jährige Patientin operiert. Das Gesicht und der Körper der Frau sind unter einem blauen Operationstuch verborgen. Nur das trübgewordene Auge liegt in einem kreisrunden Ausschnitt frei – über ihm das Okular des Mikroskops. Spezielle Tropfen (manchmal auch eine Spritze) betäuben das Auge und machen es nahezu bewegungsunfähig. Der starre Blick ist wichtig für den Erfolg, denn das Operationsfeld ist nur wenige Quadratmillimeter groß. Jedes Zucken könnte da zum Problem für die nötige Genauigkeit des Eingriffs werden.

Dietze setzt eine Drahtklammer in das Auge, die die Lider offen hält. Die Patientin spürt davon nichts. Auch nichts von dem winzigen Diamantmesser, das der Chirurg direkt an der erhöhten Stelle des Augapfels ansetzt, hinter der sich Pupille und Linse befinden. Die rasiermesserscharfe Spitze ist an der Basis nur drei Millimeter breit. Der Arzt drückt die Messerspitze über der Pupille in die Hornhaut – sie gibt nur zögerlich nach –, und füllt dann die Kammer darunter mit einer dickflüssigen Lösung. Der durch den Einstich entstehende drei Millimeter lange Schnitt wird sich nach dem Eingriff ohne Naht wieder wasserdicht schließen.

Der Weg in die Linsenkapsel, die sich hinter der Pupille befindet, ist nun frei. Dietze führt ein Häkchen in die Kapsel und löst die trübe Linse vom umliegenden Gewebe ab. Nun schwimmt die die Linse frei in der Kapsel.

Doch heraus bekommt sie der Chirurg durch den winzigen Einstich nicht. Dazu muss das gallertige Scheibchen erst zertrümmert werden. Das geschieht mit einem Ultraschallkopf – ein winziges Stäbchen –, den Dietze in die Kapsel schiebt und der 80 000 mal pro Sekunde und deshalb unsichtbar schwingt. Der Schall verflüssigt die Linse, die sich nun über eine Kanüle absaugen lässt.

Der Weg hinein ist für die künstliche Austauschlinse nicht einfacher. Sie passt nur eng eingerollt in einem Röhrchen hindurch. Der Fachmann sagt Kartusche dazu. Diese schiebt Dietze in die leere Linsenkapsel, gibt dort die Kunststofflinse frei. Das Implantat entrollt sich fast von allein, der Chirurg muss nur ein klein wenig nachhelfen. Zwei winzige Bügel zentrieren die Linse vor der Pupille.

Während Dietze routiniert und mit ruhiger Hand die Operation durchführt, plaudert er ein wenig über deren Geschichte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg habe ein britischer Augenarzt die Möglichkeit zum Linsenaustausch durch Zufall entdeckt, erzählt er. Der Mann stellte fest, dass bei Militärpiloten, die zum Beispiel durch feindlichen Beschuss Plexiglassplitter der Flugzeugkanzel ins Auge bekommen hatten, diese eingewachsen waren. Also, schlussfolgerte der Mediziner, kann man auch absichtlich künstliche Linsen in das Sinnesorgan einpflanzen.

Für die Geschichtslektion bleibt allerdings nicht viel Zeit. Eine knappe Viertelstunde dauert der ganze Eingriff. Im Vorraum zum Operationssaal stehen bereits drei weitere Liegen, auf denen Patienten darauf warten, dass die örtliche Betäubung wirkt. Täglich werden hier 15 bis 20 Katarakt-Patienten durchgeschleust. Außerdem noch jede Menge andere, kompliziertere und langwierigere Eingriffe am Sehorgan. Der Linsenaustausch bei einem Grauen Star, das bringt zwar Fallzahlen, aber wenig Herausforderung für den Spezialisten.

Für die Patienten aber ist es das, schließlich geht es um ihr Augenlicht. So wie für Christel Schulze aus Köpenick. Eine ambulante Operation war bei der 73-Jährigen nicht möglich. Seit dem Schlaganfall, den sie vor ein paar Jahren erlitten hatte, ist sie auf blutverdünnende Medikamente angewiesen, ein Risikofaktor. Dabei wirkt Christel Schulze gar nicht hinfällig. Im Gegenteil: Die stämmige Frau mit dem ordentlich gescheitelten weißen Haar erzählt resolut von ihrer Krankheit und lässt sich vom Chefarzt Dietze dabei nur selten unterbrechen.

Nein, Schmerzen habe sie keine, nur so ein komisches Gefühl, als ob ein Fremdkörper in ihrem Auge säße. Das kann durchaus zur Gefahr werden, auch wenn das eine völlig normale Folge der Operation ist. Aber unbewusst greifen sich manche Patienten dann ins Auge, reiben es vielleicht, und das kann so kurz nach der Operation zu einer Augeninfektion führen. Deshalb muss auch Frau Schulze, wie alle anderen Katarakt-Patienten auch, einen Verband tragen. Am ersten Tag danach muss der dicke weiße Wattepad für 24 Stunden auf dem Auge bleiben, eine weitere Woche lang immer nachts. „Nach einem viertel Jahr ist die Wunde vollständig verheilt“, sagt Chefarzt Dietze. Die Komplikationsrisiken schrecken Christel Schulze nicht. „Nicht hören können, das kann man ertragen“, sagt sie. „Aber nicht sehen können, das ist schlimm.“

Es ist schon ihr zweites Auge, das operiert werden musste. Das erste wurde im März diesen Jahres von der trüben Linse befreit. „Ich kann ohne Brille lesen“, freut sie sich nun. 80 Prozent Sehkraft, und das mit 73! Vorher habe sie alles unklar, verschwommen gesehen mit der sich langsam eintrübenden Linse. „Ich habe jetzt sofort erkannt, dass ihre Schnürsenkel offen sind“, sagt sie nach einem kurzen Blick auf die Schuhe des Besuchers. Sie sieht zufrieden aus.

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