Folge 9: Leistenbruch : Ein Sicherheitsnetz für das geschwächte Gewebe

Ein Leistenbruch ist eine häufige Erkrankung – und sie muss immer chirurgisch repariert werden. 85 Prozent der Betroffenen sind Männer, wegen der Anatomie.

Ingo Bach

Die Schmerzen im Unterbauch kamen ohne Vorwarnung – aber zu einem konkreten Anlass. Siegfried Thiele, als Hausmeister die gute Seele einer Mehrfamilienvilla in Staaken, zögert nicht lange, als man ihn um Hilfe bittet. Ein behinderter Bewohner war aus dem Bett gefallen und seine Ehefrau schaffte es nicht, den 90-Kilo-Mann wieder zurückzuhieven. Also fasste Thiele mit an. Da passiert es. Erst ein Gefühl, als reiße etwas in der Leistengegend, erzählt der 64-Jährige, dann ein stechender Schmerz, der im Laufe des Tages immer schlimmer wird. Nach ein paar Tagen schließlich hält es Thiele nicht mehr aus. Er geht zu seinem Hausarzt. Der sagt: „Leistenbruch, ganz klar. Sie müssen sich operieren lassen.“

Ein häufiger Unfall. Jährlich werden in Deutschland rund 230 000 Leistenbruch-Operationen durchgeführt, davon 20 Prozent ambulant. Für einen erfahrenen Operateur ist das eine Sache von einer Viertelstunde. Martin Susewind ist so ein erfahrener Klinikarzt. 1000 Leistenbrüche werden es wohl gewesen sein, die er bisher repariert habe, schätzt der Chefarzt an der Klinik für MIC (Minimalinvasive Chirurgie) in Zehlendorf. 48 Jahre ist er alt, er hat ein jungenhaftes Gesicht, schwarzes lockiges Haar und eine kleine, runde Metallbrille.

So ein Leistenbruch sei selten ein plötzlicher Bruch, sagt Susewind, sondern oft ein schleichender Prozess, lange ohne Symptome. Die Bauchdecke, die beim Mann in der Nähe des Samenstrangs nach unten führt, ist anatomisch etwas eingedellt. Bei älteren Menschen gibt das erschlaffende Gewebe an dieser Stelle immer weiter nach. Die Delle öffnet sich langsam, bis schließlich Teile der Eingeweide nach unten rutschen, meist ein Stück des Darmes. Wegen der Anatomie sind auch 85 Prozent der Leistenbruchpatienten Männer. Und erst, wenn etwas in den „Bruchsack“ hineinrutscht, dann registriert der Betroffene Schmerz oder einen vorgewölbten Unterbauch. Jüngere Menschen erleben dies häufig nach einer außergewöhnlichen Belastungssituation – wenn sie etwas Schweres heben müssen etwa und die dann stark angespannte Muskulatur die Eingeweide mit einem Ruck nach unten drückt.

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Dann hilft nur noch das Messer des Chirurgen. „Das geht nie mehr von allein weg, das muss operiert werden.“ Susewind steht im Operationssaal der MIC-Klinik, Siegfried Thiele liegt narkotisiert vor ihm auf dem OP-Tisch. Den ersten Stich setzt der Chirurg durch den Bauchnabel. „Das ist der einfachste Weg, durch die recht feste Bauchdecke zu gelangen“, sagt Susewind. Und dieser Weg hat noch einen Vorteil: Die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu treffen, ist hier am geringsten. Denn den ersten Stich setzt der Arzt quasi blind. In das so geschaffene Loch führt Susewind eine Lampe und eine Kameralinse ein, die die Bilder für den Monitor liefert, auf dem er sich während der Operation orientieren wird. Ein Trichter aus rosa Gewebe wird sichtbar, nimmt das Zentrum des Monitors ein. Drum herum pergamentartige Strukturen. Das ist die Bauchdecke, und der Trichter, das ist der Leistenbruch, in Richtung Oberschenkel gesehen. Dorthin ist ein Stück Darmschlinge gerutscht.

Für den Eingriff benötigt Susewind weitere Zugänge. An der linken und der rechten Seite des Bauches setzt er zwei fünf Millimeter im Durchmesser große Löcher, durch die er die langstieligen Instrumente in den Bauch schiebt.

Schnitt für Schnitt präpariert der Arzt sein Operationsgebiet. Zunächst legt er den Samenstrang vom umliegenden Gewebe frei. Er wird als ein winziger dünner roter Schlauch auf dem Monitor sichtbar. Ein Fehlschnitt und der Patient wäre kastriert. „Kommt aber so gut wie nie vor“, sagt Susewind trocken.

Das große gelbe Organ, dass jetzt hinter dem weißen Gespinst der Bauchdecke sichtbar wird, das ist die Blase. „Wir bitten die Patienten, kurz vor dem Eingriff noch einmal auf die Toilette zu gehen“, sagt Susewind. Denn ist sie zu voll, behindert sie die Operation. Im schlimmsten Falle müsse eine Schwester den narkotisierten Patienten auf dem OP-Tisch auch schon mal mit einem Katheterschlauch entleeren.

Bevor Susewind den Durchbruch mit einem Netz aus Polypropylen repariert, zieht er zunächst vorsichtig und Millimeter für Millimeter die verrutschte Darmschlingen zurück in den Bauch. Fertig.

Er streift ein zweites Paar Gummihandschuhe über, nimmt das weiße neun mal fünfzehn Zentimeter große und sauber gefaltete Polypropylen-Netz. Das gitterartige Gewebe soll in den Bauchraum eingepflanzt werden, da muss die Gefahr, dabei Keime mit einzuschleppen, minimiert werden. Ein kurzer, abschätzender Blick auf den Monitor, dann schneidet Susewind freihändig das Stück Netz zurecht, das die Bauchdecke nach unten stabilisieren wird. Der Patient wird dieses Stück Kunststoff ein Leben lang mit sich herumtragen. Im Laufe der Zeit wird körpereigenes Gewebe durch die Maschen wachsen, der Organismus die künstliche Ergänzung zu seinem Eigentum machen.

Der Chirurg rollt das Netz zusammen, schiebt es durch die größere Öffnung am Bauchnabel ins Körperinnere und platziert es mit den winzigen Greifzangen über dem Bruchtrichter. Dann tackert er das Netz mit sechs 4,6 Millimeter langen, spiralförmigen Klammern aus gewebefreundlichem Titan fest. Jedes Mal, wenn er den Tacker – der einem langgestreckten Feueranzünder für einen Gasherd ähnelt – betätigt, hört man ein knirschendes Geräusch.

Der Vorteil der Netztechnik ist, dass keine Spannung auf der Naht liegt – im Gegensatz zur früher angewandten Methode, den Bruch zu schließen, indem man das körpereigene Gewebe wieder vernähte. Die Folge: Der Bruch öffnete sich oft erneut, manchmal erst nach Jahren. Bei zehn bis fünfzehn Prozent der Patienten war das so. Dagegen liege diese Quote bei der Netzmethode im Bereich von einem bis zwei Prozent.

Bei Kindern und Jugendlichen, die ebenfalls häufig einen Leistenbruch erleiden, verbietet sich das Kunstnetz jedoch. „Das Netz wächst ja nicht mit.“ Da muss das gebrochene Gewebe auf herkömmliche Art und Weise „geflickt“ werden. Die Wiederbruchrate ist entsprechend höher.

Bei Siegfried Thiele sieht es gut aus. In zwei bis drei Tagen kann ein Leistenbruchpatient normalerweise die Klinik wieder verlassen, so auch der 64-Jährige. „Nach zwei Wochen sind Sie wieder voll belastbar“, verspricht der Arzt.

Schmerzen? Es brennt ein bisschen, sagt Thiele. Kein Wunder, so kurz nach einer Operation. Aber es gibt ja Schmerzmedikamente. Thiele freut sich, dass er bald wieder seinen Job machen kann – und dabei auch mal zupacken darf.

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